Freitag, 11. März 2011

Befürchtungen in Russland

Im Bericht des englischsprachigen russischen TV-Senders Russia Today wird auf die Unterschiede der Ereignisse in Japan zur Atomkatastrophe in Tschernobyl aufmerksam gemacht. Die lassen erschaudern - denn trotz viel besserer Sicherheitsvorkehren drohe laut ukrainischen und russischen Experten eine zehnmal grössere Katastrophe, weil die Anlage in Fukushima der weltgrösste Atomkomplex überhaupt sei.



Quelle: youtube

Lage immer dramatischer

Die Radioaktivität im Atomkraftwerk Fukushima ist um das Tausendfache gestiegen. Eine Notaktion soll das Schlimmste verhindern. Auch eine weitere Anlage hat nur Notstrom. Ein Artikel von Welt Online bringt mitten in der Nacht auf Samstag einen Überblick auf die dramatischen Ereignisse.

Nach dem Versagen des Kühlsystems im japanischen Atomkraftwerk Fukushima Daiichi ist die Radioaktivität im Umkreis der Anlage gestiegen. Im Innern habe sie das Tausendfache des Normalwerts erreicht, teilten die Behörden am Samstag (Ortszeit) mit. Die Evakuierungszone werde ausgeweitet. Nach dem verheerenden Erdbeben am Freitag war die Stromversorgung für das Kühlsystem ausgefallen und der Druck im Reaktor weiter angestiegen. Die Regierung rief für das Kraftwerk den Notstand aus.

Die Kernschmelze ist ein extrem gefährlicher Unfall in einem Kernreaktor.
Dabei erhitzen sich die Brennstäbe so sehr, dass sie schmelzen. Im ummantelten Brennstab befindet sich der Stoff, der gespalten wird – also Uran oder Plutonium.
Radioakive Verseuchung Zur Kernschmelze kann es etwa kommen, wenn Kühl- und Sicherungssysteme gleichzeitig oder in kurzer Zeit nacheinander ausfallen. Wenn die gesamte geschmolzene Masse auf den Boden des Behälters sinkt, kann sie sich durch die Wände des Reaktors fressen. Dabei können radioaktive Substanzen nach Außen gelangen. Mit einer Kernschmelze gehen häufig Dampf- und Wasserstoffexplosionen einher.

Die Evakuierungen wurden nach dem Anstieg der Radioaktivität ausgeweitet, wie die Behörden mitteilten. Zuvor hatte die Regierung angeordnet, Tausende Anwohner in Sicherheit zu bringen. Sie sollten mindestens drei Kilometer Abstand von der Anlage halten und sich innerhalb von Gebäuden aufhalten. Um den gestiegenen Druck in einem der sechs Reaktoren zu reduzieren, wollen die Behörden dort etwas radioaktiven Dampf ablassen. Die Atomsicherheitsbehörde erklärte, der Druck sei auf das 2,1-fache des Normalwerts angestiegen.

Der kontrolliert freigesetzte Dampf werde gefiltert,
um Radioaktivität in der Anlage zu halten, teilten japanische Behörden der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA mit. Nach einer Experteneinschätzung ist es aber unwahrscheinlich, dass in solch einer Situation keinerlei Radioaktivität freigesetzt wird.

Kabinettssekretär Yukio Edano erklärte, die freigesetzte Menge an Radioaktivität sei „sehr gering“. Weil bereits Evakuierungen angeordneten seien und der Wind Richtung Meer wehe, „können wir Sicherheit garantieren“, sagte Edano auf einer im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz. Die Ingenieure täten ihr Möglichstes, um das Kühlsystem des etwa 270 Kilometer nordöstlich von Tokio gelegenen Atomkraftwerks wieder in Betrieb zu setzen, teilte die Atomaufsichtsbehörde mit. Der Erfolg dieser Maßnahme sei jedoch nicht garantiert.

Nach dem Ausfall des Kühlsystems hatten selbst die Notstromgeneratoren versagt. Ein Mitarbeiter der Atomsicherheitsbehörde erklärte, derzeit werde der Reaktor mit einem zweiten System gekühlt, das aber nicht so effektiv sei wie die eigentliche Anlage. Nach Greenpeace-Angaben schauten Brennstäbe teils zwei Meter aus dem Wasser, weil zu wenig Kühlwasser nachgepumpt werden konnte. Experten sprachen vom einem „Station Blackout“.

Nach Angaben der japanischen Atomaufsichtsbehörde Nisa hat der Betreiber drei oder vier Generatorenfahrzeuge vor Ort, könne sie aber nicht anschließen, weil ein passendes Kabel fehle. Derzeit werde versucht, dieses Kabel per Flugzeug herbeizuschaffen. Gleichzeitig versuche das Unternehmen, aus einem anderen Kernkraftwerk eine Ersatzbatterie für den Notbetrieb des Kühlsystems zu dem havarierten AKW zu bringen.

Der Greenpeace-Reaktorexperte Heinz Smital erklärte, selbst ein abgeschaltetes Atomkraftwerk erzeuge noch so viel Nachwärme, dass man eine Kernschmelze nur dann verhindern könne, wenn die Kühlung sichergestellt sei. Das Erdbeben habe eine sehr große Energie gehabt, „so dass viele Systeme möglicherweise nicht funktionieren wie sie sollten“.

US-Außenministerin Hillary Clinton erklärte zunächst, Washington stelle Japan Kühlflüssigkeit zur Verfügung. Gewährsleute erklärten später aber, Clinton habe sich versprochen. Die USA hätten Japan die Bereitstellung von Kühlmittel angeboten, Tokio habe dies aber abgelehnt. Der amerikanische Reaktorexperte Robert Alvarez sprach von einem „beängstigenden Rennen gegen die Zeit“.

Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) sagte, es bestehe eine ernste Situation. Im äußersten Fall sei auch eine Kernschmelze in bis zu drei Reaktorblöcken der Anlage möglich. Dies hätte wie 1986 in Tschernobyl weitreichende Folgen für Bevölkerung und Umwelt. Angesichts der weiten Entfernung und des angekündigten Wetters sei im Falle einer Kernschmelze in dem japanischen Atomkraftwerk für Deutschland nicht mit radioaktiver Strahlung zu rechnen, so Röttgen. Nach jetzigem Stand würde eine mögliche radioaktive Wolke über den Pazifik hinweg ziehen.

Auch die Wiederaufbereitungsanlage Rokkasho im Erdbebengebiet wird derzeit mit Notstrom gekühlt. „Hier liegen rund 3000 Tonnen hochradioaktiver abgebrannter Brennstoff“, sagte der international tätige Atomexperte Mycle Schneider. Das entspreche etwa der Menge an Brennstoff, die in 25 bis 30 Atomreaktoren gelagert wird. „Wenn die Brennstäbe nicht gekühlt werden, entzünden sie sich selbst“, erklärte Schneider.

Allerdings sei die Gefahr nicht ganz mit der eines Vorfalls in einem Atomreaktor zu vergleichen, erklärte Christoph von Lieven, Atomexperte der Umweltorganisation Greenpeace. „Der Atommüll liegt im Abklingbecken und befindet sich nicht mehr in einer Kettenreaktion. Radioaktivität würde zwar entweichen, jedoch nicht in Form einer Explosion“, sagte von Lieven. In der von dem verheerenden Erdbeben der Stärke 8,9 am schwersten betroffenen Präfektur Miyagi brach zudem im Turbinenraum einer Atomanlage in Onagawa ein Feuer aus. Rauch stieg aus dem Gebäude auf, das abseits des Reaktorblocks liegt. Das Feuer konnte gelöscht werden, wie der Betreiber Tohoku Electric Power mitteilte. Radioaktive Strahlung sei aber nicht ausgetreten.

Quelle: Welt Online

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Japans AKW vor Kernschmelze?

Die Auswirkungen des Bebens in Japan auf die vielen dortigen AKW beschäftigen die Medien. Unsicherheit bestimmt die Lage – und auch hier sei nicht auf Panik gemacht. Aber das Beben gibt einen Vorgeschmack darauf, was die Erdverwerfungen für die Atomwirtschaft bedeuten können, vielleicht gar ihr Aus.

Die nächtlichen Abendsendungen der TV-Anstalten tönen sehr unterschiedlich, Solarmedia verfolgte laufend die Berichterstattung. Was zuallerletzt verlautete, tönte dramatischer denn je: Demnach ist die am Eingang des beschädigten Reaktors in Fukushima um das 8fache erhöht, die Schutzzone und die Evakuierungen auf 10km ausgedehnt. Der Ablass des Überdrucks funktioniert nicht, weil die Ventile mangels Strom nicht geöffnet werden können – so die Tagesthemen von ARD vor 23 Uhr.

Japan hat den nuklearen Notstand ausgerufen gemäss dem Schweizer Fernsehen im Nachrichtenmagazin 10vor10. Man beachte man die Sprachregelung – die restliche Welt spricht vom atomaren Notstand. Eine gewisse Skepsis ist spürbar, wie sich das Ganze weiter entwickeln könnte. Dann folgte ein Spezialbeitrag zu den 55 AKW in Japan, wovon wegen zweier der atomare Notfall ausgerufen wurde – nun die andere Sprachregelung – tausende Personen in Sicherheit gebracht. Ein Schweizer Greenpeace Spezialist sieht Situation als ernst an, da gar nicht bekannt sei, was beschädigt wurde. 2007 verharmlosten Behörden den Fall nach einem Beben mit Stärke von 6,8, wesentlich schwächer als gestern. Erinnerungen an Tschernobyl tauchen auf, was ein Angehöriger des PSI bei Brugg in Abrede stellt. Sicher sei, ein Tschernobyl könne nicht passieren, und allenfalls nur lokal eine stark erhöhte Radioaktivität zu erwarten. Greenpeace zeigt sich andernorts besorgt, über die durch den Tsunami verursachten Schäden am hoch radioaktiven Atommülllager in Fukushima gemäss oekonews.at.

Im ZDF heisst das Ganze Atomalarm. Es ist eines der ältesten AKW Japans, die Hitze glüht weiter – aber der Strom für die Kühlaggregate fehlt. Kernschmelze heisst aber kein zweites Tschernobyl, eher wie in Harrisburg, wo Sicherheitsbehälter die Schmelze begrenzte. Hoffnung besteht, dass Reaktor bald wieder gekühlt werden kann. Michael Sailer Öko-Institut Duisburg, der vor einiger Zeit auch in Zürich auftrat (siehe Solarmedia vom 19. November 2010) nimmt im ZDF sieht Begrenzung nicht für gegeben, es könnte auch schlimmer werden, wenn Glück, dann ja. Also doch eine nukleare Katastrophe denkbar. Warum nicht mehr Kühlaggregate – alles kaputt und keine Stromversorgung mehr.

Die deutsche Zeit meldet: «Mehrere Kraftwerke haben sich nach dem Beben automatisch abgeschaltet. Einige der für Beben bis zu einer Stärke von 8,25 ausgelegten Anlagen sind schwer beschädigt. Noch soll keine Radioaktivität ausgetreten sein.» Da reibt man sich doch verdutzt die Augen, denn das Beben hatte eine Stärke von 8,9! Die Wochenzeitung meldet weiter: «Die Regierung in Tokyo hat den atomaren Notstand ausgerufen. Das berichten japanische Medien. Es ist das erste Mal, dass sich die Regierung dazu genötigt sieht, seit im Jahr 2000 ein entsprechendes Gesetz zur atomaren Sicherheit verabschiedet worden war. Es sieht vor, den Notstand zu erklären, wenn Radioaktivität austritt oder das Kühlsystem eines Kernkraftwerks ausfällt.

Insgesamt sollen sich elf japanische Atomkraftwerke automatisch abgeschaltet haben. Aber nach wie vor gilt, was Japans Regierungschef Naoto Kan erklärte, dass bisher in keiner der Atomanlagen ein Austritt von nuklearem Material festgestellt worden sei. Übrigens waren vor vier Jahren bereits drei Reaktoren des japanischen Kraftwerks Kashiwazaki nach heftigen Erdstößen der Stärke 6,8 abgeschaltet worden. Die Japanischen Inseln liegen auf dem Pazifischen Feuerring. Es handelt sich um eine der seismisch aktivsten Erdregionen. Wegen der geographischen Lage werden in Japan zahlreiche Häuser erdbebensicher gebaut, die Bürger werden regelmäßig über die Gefahren aufgeklärt. Japan setzt dabei auf ein eigenes Messverfahren, das nicht die durch Erdbeben entstehende Energie misst, sondern die an der Erdoberfläche gemessenen Auswirkungen bestimmt. Mit dem System sei eine genauere Folgenabschätzung möglich.

Die linke taz aus Berlin schreibt schon früh: Nach dem Versagen des Kühlsystems im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi im Nordosten Japans wollen die Behörden jetzt leicht radioaktiven Dampf aus einem Reaktorbehälter lassen. Die japanische Atomsicherheitsbehörde sagte am Samstag (Ortszeit), der Druck in einem der sechs Behälter sei auf das Anderthaltbfache des Normalstands angestiegen. Die im Wasserdampf enthaltene Radioaktivität werde aber die Umwelt oder die menschliche Gesundheit nicht beeinträchtigen.

Deutschlands Umweltminister Norbert Röttgen sieht keine Gefahren für Deutschland, Kühlsystem ausgefallen, Notstrom läuft nicht, Situation immer dramatischer meldet ARD. Reaktoren schalteten sofort ab, benötigen aber Kühlung – und die läuft nicht. Entfernung zu Japan schützt aber in Europa. Grund zur Entwarnung sehen Atomexperten vorderhand aber nicht. USA haben offenbar Hilfe nach Japan gesandt, um eine Kernschmelze zu verhindern, worin diese besteht, ist vorderhand aber unklar. Gemäss taz haben die USA Reaktorkühlmittel nach Japan geschickt, um einen Beitrag zur Lösung der kritischen Lage im Atomkraftwerk Fukushima zu leisten. Außenministerin Hillary Clinton sagte am Freitag, die US-Luftwaffe habe aufbereitetes Kühlwasser zu der Anlage transportiert.

Interessant der Vergleich zu den Evakuationszahlen rund um Fukushima. Während ZDF und ARD übereinstimmend von 6000 Evakuierten sprechen, meldet die CH-Tagesschau zur gleichen Zeit eine Zahl von nur 2000 Evakuierten. Auch sonst bleibt der Eindruck, dass das Schweizer Fernsehen der Bedrohung durch das AKW weniger Gewicht beimisst. Derweil soll radioaktive Luft abgelassen werden gemäss ARD-Tagesschau.

Aber ist zu trauen? Ex-ZDF-Korrespondent Thomas Euting sagt in einer Studiosendung aus, dass Notfallpläne minutiös abzuarbeiten sind, dass das aber ein Hindernis sein kann, zeitig zu reagieren. Schon früher reagierte man zu spät «Da ist Skepsis angebracht», Euting erlebte das Beben von Kobe 1995 und sah, wie zögerlich die Behörden vorgingen – das könnte offenbar jetzt auch bei den Schwierigkeiten im AKW Fukushima drohen.

Heinz Smital Green auf ZDF sagt, dass die AKW nicht für diese Stärke ausgelegt sind –und auch ein Abschalten nicht schützt gegen die Kernschmelze. Die Notstromversorgung funktioniert nicht ordnungsgemäss – nun also die beschränkten Batterien, es läuft Wettkampf gegen die Zeit. Die Regierung meldet im Moment, alles im Griff zu haben – Smital geht davon aus, dass diese alles unternimmt und durchaus eine Chance besteht, dass alles unter Kontrolle zu bekommen ist.

Am frühen Abend war die Situation gemäss ZDF bereits dramatisch, die Radioaktivität steigt dramatisch an, die Situation spitzt sich dramatisch zu gemäss Korrespondentenbericht. Die Kühlung ist nur noch batteriegetrieben möglich und diese Batterien sind in wenigen Stunden leer. Es scheint einzutreten, was Kritiker der Atomwirtschaft stets auch befürchteten – dass für AKW letztlich keine Erdbebensicherheit besteht. Stehen wir heute am Ende der Atomkraft? Wie gefährlich ist die Situation wirklich? Selbst bei einer Kernschmelze nur regionale Auswirkungen gemäss dem deutschen Fernsehsender ARD um 18.48h. Die Batterien sind bald leer, 6000 Menschen im Umkreis von drei Kilometern rund um das AKW werden evakuiert.

© Solarmedia

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Greenpeace beschreibt Desaster

Japan ist vom schlimmsten Erdbeben seiner Geschichte heimgesucht worden. Eine bis zu zehn Meter hohe Flutwelle überrollte die nordostjapanische Küste. In dieser Not droht den Menschen weitere Gefahr: Im Katastrophengebiet liegen mehrere große Nuklearanlagen.

Im AKW Fukushima ist nach dem Haupstrom auch ein Notstromaggregat ausgefallen. Der Kühlwasserstand ist besorgniserregend niedrig. Die japanische Regierung hat den atomaren Notfall ausgerufen. Rund 2.800 Menschen wurden vorsorglich evakuiert. Wir werden rund um die Uhr der Nachrichtenlage entsprechend Updates veröffentlichen.

Die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) in Köln berichtet unter Berufung auf japanische Quellen, dass das Notkühlsystem des Atomkraftwerks Fukushima nur noch im Batteriebetrieb laufe. Die Batterien lieferten nur noch Energie für wenige Stunden. Im allerschlimmsten Fall drohe dann eine Kernschmelze.

Der Greenpeace-Kernphysiker Heinz Smital bezeichnet die Lage als sehr ernst, allerdings könne man die Lage nicht wirklich einschätzen. Es komme jetzt darauf an, ob die AKW-Mannschaft die Kühlung in Gang bringen könne und ob die Radioaktivität, falls sie freigesetzt werde, innerhalb des Reaktors bleibe. Zum Schutz der Bevölkerung vor einem möglichen atomaren Notfall wurde eine Sondereinheit ins Leben gerufen. Die vier Atomkraftwerke, die dem Epizentrum des Bebens am nächsten liegen, sind abgeschaltet. Im AKW Onagawa der Firma Tohoku Electric Power war Feuer in einem Turbinengebäude ausgebrochen. Der Brand soll inzwischen gelöscht sein.

Besondere Sorge bereitet dem Greenpeace-Kernphysiker Heinz Smital die Lage im AKW Tepco Fukushima Daiichi. "Wenn die Kühlung im Kraftwerk nicht mehr richtig funktioniert, wird es gefährlich. Selbst wenn das AKW heruntergefahren ist, ist man damit noch nicht auf der sicheren Seite, denn die Kühlung muss weiter stabil gehalten werden." Ein abgeschalteter Reaktor dieser Größe entwickele eine Nachwärme von 200 Megawatt, die nicht zu beeinflussen sei. Wenn die Kühlung ausfällt, verdampft das Kühlwasser. Unter der ungeheuren Energie, die immer weiter produziert wird, verformen sich die Brennelemente. Damit ist die erste Sicherheitsbarriere hinfällig.

Im AKW Fukushima Daiichi ist der Kühlwasserstand besorgniserregend niedrig. Von dem Erdbeben sind mehrere Atomanlagen betroffen:
* der Atomstandort Fukushima Daini
* der Atomstandort Fukushima Daiichi
* der Atomstandort Onagawa
* der Atomstandort Tokai (AKW, Wiederaufarbeitung und Brennelementeherstellung).

Inzwischen wurde die Küste von einer zweiten Tsunami-Welle getroffen. Die Lage ist dramatisch. Brände sind ausgebrochen. In einer Raffinerie gab es mehrere Explosionen. Nach bisherigen Angaben sind mehrere hundert Menschen ums Leben gekommen, doch die Zahl dürfte höher liegen. Militär, Polizei, Feuerwehr und Zivilschutz sind im Einsatz.

Quelle: Greenpeace | Sigrid Totz 2011

Das japanische AKW-Inferno


Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes hat Japan den nuklearen Notfall ausgerufen: Mehrere Atomkraftwerke wurden abgeschaltet, in zweien kam es zu schweren Zwischenfällen. Im AKW Fukushima (siehe Bild) fiel das Kühlsystem aus, das Umland wird evakuiert - das Risiko eines Lecks ist am Abend wieder gestiegen. Spiegel Online dokumentierte gegen Freitagabend wie folgt:

Das japanische Atomkraftwerk Fukushima Daiichi hat schwere technische Probleme. Die Atomaufsichtsbehörde Nisa (Nuclear and Industrial Safety Agency) bestätigte, dass der Kühlwasserspiegel des Reaktors sinkt. Nach Angaben eines Mitarbeiters ist die Wasserzufuhr zum Reaktor unterbrochen. Dem Betreiberunternehmen Tepco (Tokyo Electric Power Company) sei es bisher nicht gelungen, die Stromversorgung für das Kühlwassersystem wieder herzustellen. Im schlimmsten Fall könnte eine Kernschmelze drohen. Japans Regierungschef Naoto Kan hat den nuklearen Notfall ausgerufen - zum ersten Mal in der Geschichte des Landes.

Die Betreiberfirma Tepco erklärte nach Angaben der Nachrichtenagentur Jiji News, im Reaktor Nummer Eins sei der Druck nach einem Zwischenfall angestiegen. Es bestehe auch das Risiko eines Strahlungslecks. Man arbeite daran, den Druck im Reaktor wieder zu senken. Nach Angaben der japanischen Zeitung "Asahi" erwägt die Firma konkret, Dampf aus dem Reaktor abzulassen. Wenn diese Strategie umgesetzt wird, dann dürfte Radioaktivität nach draußen entweichen.

Die japanische Regierung hatte zuvor erklärt, es seien keine radioaktiven Lecks festgestellt worden. Man habe den Notstand ausgerufen, damit die Behörden leicht Notfallmaßnahmen ergreifen können, so Regierungssprecher Yukio Edano. "Wir wollen auf das Schlimmste vorbereitet sein. Wir tun alles in unserer Macht stehende, um mit der Situation fertig zu werden." In Japan muss ein nuklearer Notstand ausgerufen werden, wenn Strahlung austritt, der Kühlwasserstand einen gefährlichen Wert erreicht oder das Kühlsystem ausfällt.

Wie die Nachrichtenagentur AP berichtet, war nach dem Erdbeben nicht nur der Hauptstrom, sondern auch ein Notstromaggregat ausgefallen, was zum Versagen des Kühlsystems geführt habe. Der US-Nachrichtensender CNN zitiert Edano mit der Aussage, die Kühlung des Reaktors laufe "nicht nach Plan". Westliche Experten zeigten sich zutiefst beunruhigt über diese Entwicklung, denn selbst nach einer Schnellabschaltung ist ein Atomreaktor in seinem Inneren noch extrem heiß und muss weiterhin gekühlt werden.

"Bei einem totalen Stromausfall funktioniert kein Sicherheitssystem mehr", sagte Lars-Olov Höglund, der zehn Jahre lang Chefkonstrukteur der Atomkraftwerke des Vattenfall-Konzerns war, zu SPIEGEL ONLINE. "Wenn das passiert, ist es aus." Die Folge wäre unweigerlich eine Kernschmelze. Ähnlich äußerten sich der Greenpeace-Reaktorexperte Heinz Smital, ein Mitarbeiter der IAEA und Mycle Schneider, Autor des renommierten "World Nuclear Industry Status Report 2009". "Die Restzerfallswärme ist ungeheuer groß, nämlich sieben Prozent der Kraftwerksleistung", sagte Schneider, der mehrere Dutzend Male als Atomgutachter in Japan war.

Das Kernkraftwerk Fukushima besteht aus sechs Siedewasserreaktoren und ist damit eines der größten der Welt. Die Betreibergesellschaft Tokyo Electric Power Company gibt auf ihrer Website an, dass bei drei der sechs Reaktoren alle Notstrom-Generatoren ausgefallen seien. Man habe die Meiler daraufhin geflutet. Der Industrieverband World Nuclear Association meldete, man habe erfahren, dass die Situation unter Kontrolle sei. Allerdings ist der Verband - ebenso wie die Internationale Atomenergiebehörde IAEA - auf Informationen aus Japan angewiesen. "Die würde ich zurzeit mit der Pinzette anfassen", warnte Atomexperte Schneider.

Nach Angaben der japanischen Atomaufsicht hat die Betreiberfirma drei oder vier Generatorenfahrzeuge vor Ort. Diese könnten aber nicht angeschlossen werden, weil ein passendes Kabel fehle. Derzeit werde versucht, dieses Kabel per Flugzeug herbeizuschaffen. Gleichzeitig versuche das Unternehmen, aus einem anderen Kernkraftwerk eine Ersatzbatterie für den Notbetrieb des Kühlsystems zu dem havarierten AKW zu bringen.

Die Kölner Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit berichtet unter Berufung auf japanische Angaben, dass das Notkühlsystem des AKW nur noch im Batteriebetrieb laufe - und dass die Energiezellen nur noch Strom für wenige Stunden liefern könnten. "Im allerschlimmsten Fall droht dann eine Kernschmelze", sagte GRS-Sprecher Sven Dokter. In diesem Fall werden die Brennstäbe im Reaktorkern so heiß, dass sie schmelzen. Es kann dadurch zu einer unkontrollierten Kettenreaktion und schlimmstenfalls zur Explosion des gesamten Reaktors kommen, wie es bei der Katastrophe von Tschernobyl 1986 passiert ist.

Für die japanischen Atom-Fachleute ist es ein Wettrennen gegen die Zeit: Sie müssen innerhalb kürzester Zeit die Stromversorgung der Kühlmittelpumpen wieder anwerfen. Sören Kliem vom Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf erklärte im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, ungefähr fünf bis sechs Stunden nach dem kompletten Ausfall des Kühlsystems drohten gravierende Probleme. Zumindest in Deutschland würde man bei Problemen der Stromversorgung im Kühlsystem zunächst auf Dieselgeneratoren setzen, so Kliem. Erst wenn das auch nicht funktionierte, kämen Batterien zum Einsatz - sozusagen als allerletztes Mittel, um eine gefährliche Überhitzung der Kernbrennstäbe zu verhindern.

Mit den Notstromdieseln hat es offenbar Probleme gegeben - und auch die Batterien schwächeln. "Nach unseren Informationen wurde bewusst ein Kühlsystem abgeschaltet, um die Batterien zu schonen", sagte Henrik Paulitz von der atomkritischen Ärzteorganisation IPPNW am Freitagnachmittag. Zum Betrieb der Kühlpumpen seien große Strommengen erforderlich. Die Batterien könnten diese aber kaum liefern, weil sie eigentlich vor allem dafür gedacht seien, die Steuerung des Reaktors aufrechtzuerhalten. Dazu komme, dass es an dem betroffenen Reaktor offenbar ein Leck im Kühlkreislauf gebe, aus dem Kühlmittel entweiche, so Paulitz. "Das ist ein ziemlicher Hammer." Eine Prognose sei derzeit nur schwer abzugeben. Greenpeace teilte am Freitagabend mit, die Situation sei nach wie vor kritisch. Eine Sprecherin sagte, angeblich würden Brennstäbe bereits zwei Meter aus dem Wasser ragen.

Die japanischen Behörden haben die Evakuierung des Gebiets im Umkreis von drei Kilometern um die Atomanlage Fukushima angeordnet. Wer zwischen drei und zehn Kilometer entfernt wohnt, wurde aufgefordert, im Haus zu bleiben. Mindestens 2800 Menschen sollen von den Maßnahmen betroffen sein. Nach japanischen Medienberichten hat die Regierung Armeeeinheiten geschickt, um die Evakuierung zu unterstützen.

Nach dem Erdbeben war es auch in einem anderen Atomkraftwerk zu einem Zwischenfall gekommen: Im AKW Onagawa war an einem Turbinengebäude ein Feuer ausgebrochen. Die betroffenen Bereiche seien aber vom Reaktordruckbehälter räumlich getrennt, erklärte Tohoku Electric Power, der Betreiber der Anlage. Inzwischen haben die Behörden nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters mitgeteilt, dass der Brand gelöscht sei. Strahlung soll nicht ausgetreten sein.

In Japan sind 54 Reaktoren an 14 verschiedenen Standorten am Netz. Drei weitere AKW sind im Bau, elf werden geplant. Da Japan zu den erdbebenreichsten Ländern der Erde zählt, gelten dort besonders hohe Anforderungen an die Sicherheit der Kraftwerke. Bei Erdstößen werden Reaktoren automatisch abgeschaltet. Trotzdem kam es in der Vergangenheit nach Erdbeben zu Störfällen.

2007 etwa wurden nach einem Beben in der Provinz Niigata 50 technische Defekte in der weltgrößten Atomanlage Kashiwazaki-Kariwa gemeldet. Unter anderem war aus einem Leck radioaktiv belastetes Wasser ins Meer geflossen. Zudem fing ein Transformator außerhalb der Reaktorhallen Feuer. Es war bis dahin der erste Brand in einem japanischen Atomkraftwerk infolge eines Erdbebens.

Quelle: Spiegel Online mit Material von dapd, dpa und AP

Samstag, 5. März 2011

CH: Atomtransporte einstellen

In dieser Woche kamen radioaktive Abfälle aus der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague via Basel in die Schweiz zurück: nach Würenlingen. Die Grüne Partei der Schweiz kritisiert die Gefahr, die von Atommüll-Transporten ausgeht und die mangelnde Information der Behörden. Es darf kein zusätzlicher Müll produziert werden. Deshalb lehnen die Grünen den Bau neuer AKW strikt ab (Bild: AKW Gösgen - Guntram Rehsche).






Atommüll ist extrem gefährlich, hält die GP in einer Medienmitteilung fest, und sein Transport setzt die Bevölkerung einem untragbaren Risiko aus. Gleichzeitig ist die Endlagerung weltweit ein ungelöstes Problem. Die Regierungen der Endlagerkantone sind äusserst kritisch gegenüber Tiefenlagern. Die Ausfuhr von radioaktiven Abfällen aus der Schweiz ist umgekehrt bis 2016 verboten. Bis dann gilt das Moratorium, das mit der Revision des Kernenergiegesetzes 2006 beschlossen wurde. Das radioaktive Material, das vor dem Moratorium exportiert wurde, kommt nach und nach in die Schweiz zurück. Dabei handelt es sich entweder um hochaktive Abfälle (Spaltprodukte) oder um mittelaktiven Müll in Form von gepressten Rohrstücken oder Metallteile der abgebrannten Brennelemente in Stahlcontainern. Diese Abfälle entstehen bei der Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennstäbe aus Schweizer Kraftwerken.

Der Aargauer Nationalrat Geri Müller findet es grundsätzlich richtig, dass der Atommüll wieder in die Schweiz zurückkehrt, denn er wurde hier produziert. „Aber wir müssen darauf hinweisen, dass wir unglaublich widersprüchlich sind: Es gibt Menschen, die Atomstrom wollen, doch den Müll wollen sie nicht. Sie wissen auch keinen Standort, wo man diesen eine Million Jahre lang sicher lagern könnte. Der Atommüll kommt zurück, wir wissen aber nicht wohin damit“, sagte er am Point de presse der Grünen.

Widersprüchliche Haltungen gibt es tatsächlich zuhauf: Während die Regierung des Kantons Solothurn sich für ein neues AKW in Gösgen stark macht, steht sie einem Lager für schwach- und mittelaktive Abfälle kritisch gegenüber. Die Nidwaldner Stimmbevölkerung hat sich mit 74,5 Prozent zum vierten Mal gegen ein Atommüll-Endlager im Wellenberg ausgesprochen. Die Zürcher Regierung spricht sich für zwei neue AKW aus, sagt aber Nein zum Tiefenlager. Die Aargauer Regierung lehnt Tiefenlager für Atomabfälle ab mit dem Hinweis auf die bereits heute hohen Belastungen für den Kanton.

Die Basler Nationalrätin Anita Lachenmeier betont: „Wir können es nicht verantworten, radioaktive Abfälle zu produzieren, welche zur Aufbereitung quer durch Europa transportiert werden müssen und dadurch hunderttausende Personen einer Gefahr aussetzen.“ Atomtransporte sind ein Teil der Atomtechnologie. Sie werden erst nicht mehr durchgeführt werden müssen, wenn die Energieversorgung nicht mehr aus AKW stammt, sondern aus erneuerbaren Energien.

Quelle: Grüne Partei der Schweiz