Freitag, 27. November 2015

Klima ist mit neuen AKW nicht zu retten

Ab Montag ringen die UNO-Mitgliedstaaten in Paris über Klimaschutz-Massnahmen und den Ersatz fossiler Energieträger. Entgegen den Beteuerungen der Atomlobby können AKW dabei keine Rolle spielen. Denn die Atomkraft ist nicht Teil der Lösung, sie ist Teil des Klimaproblems: Weder sind AKW CO2-frei, noch verfügen sie über das Potential, die Fossilen ersetzen zu können. Vor allem aber sind neue AKW viel zu teuer. Die Schweizerische Energie-Stiftung SES ruft auf zu einem nachhaltigen Klimaschutz mit Hilfe von Effizienzmassnahmen und erneuerbaren Energien.

Mit dem Argument, ein AKW würde fast kein CO2 ausstossen, will die Atomlobby am diesjährigen Klimagipfel in Paris für neue Reaktoren werben. So hat die Schweizerische Gesellschaft für Kernfachleute jüngst zusammen mit anderen internationalen Organisationen eine Deklaration namens «Nuclear for Climate» unterzeichnet. Doch wer die Fakten kennt weiss: Das Klima ist mit neuen AKW nicht zu retten.
 
CO2-Ausstoss von bis zu 288 Gramm pro kWh
Einzig der Betrieb eines Atomkraftwerks ist nahezu CO2-frei. Wird die ganze Atomstromproduktion vom Uranabbau bis hin zur Stilllegung der Atomkraftwerke und die Entsorgung radioaktiver Abfälle berücksichtigt, so wird ein AKW zum Klimasünder: Eine Analyse von 103 Studien zeigt zwar eine sehr grosse Bandbreite. Diese reichen von 1,4 bis 288 Gramm CO2 pro Kilowattstunde. Auch im Vergleich mit erneuerbaren Energien wird klar, wo die echten Klimaschutzpotentiale liegen: Laut Berechnungen des World Information Service on Energy (WISE) spart ein neues Windrad pro investierten Franken drei Mal mehr CO2 ein als ein neuer Reaktor:


Das Szenario "tief" geht von tiefsten Annahmen bezüglich der Kosten für vermiedenes CO2 aus, das Szenario "hoch" von maximalen Annahmen. Die Atomenergie schneidet am schlechtesten ab. Sie ist die teuerste Klimamassnahme.

Neue AKW rechnen sich nicht
Der Anteil fossiler Energien an der weltweiten Energieversorgung beträgt heute 90 Prozent. Um das Klima zu retten, muss ein erheblicher Teil der fossilen Energieproduktion ersetzt werden. Der Anteil der Atomenergie liegt heute bei 2 Prozent. Und der Trend zeigt nach unten: Während 1996 der weltweite Atomstromanteil noch 17,6 Prozent betrug, waren es im Jahr 2014 nur noch 10,8 Prozent. Die wenigen AKW-Neubaupläne in Europa zeigen weshalb. In Olkiluoto und Flamanville explodieren die Kosten, in England verlangt die Betreiber-Gesellschaft schon vor Baustart staatliche Subventionen. Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass zwischen 2000 und 2013 57 Prozent der weltweiten Investitionen in erneuerbare Energien flossen und nur 3 Prozent in die Atomenergie.

 
Die Schweizerische Energie-Stiftung warnt vor falschen Klimaschutzmassnahmen. Eine ehrliche Klimapolitik setzt auf Effizienzmassnahmen und den Zubau von erneuerbaren Energien, um die Fossilen zu substituieren. So können Teufel und Beelzebub in einem ausgetrieben werden: Klima schonen und AKW überflüssig machen.


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Klima-Aktionstage
Setze diesen Samstag ein Zeichen für den Klimaschutz! Hier findest Du Veranstaltungen in deiner Nähe.

Quelle: Schweizerische Energie-Stiftung SES

Dienstag, 17. November 2015

Grünes Licht in Belgien kein Freibrief für Beznau

Die belgische Atomaufsichtsbehörde FANC hat einen höchst fahrlässigen Entscheid gefällt: Sie gibt grünes Licht für das Wiederanfahren der beiden Reaktoren Doel 3 und Tihange 2. Greenpeace Schweiz kritisiert den Entscheid der FANC und warnt davor, daraus voreilige Rückschlüsse auf die Situation im Schweizer Uralt-AKW Beznau zu ziehen.

Die belgische Atomaufsichtsbehörde hat heute ihren Entscheid mitgeteilt, dass die beiden Reaktoren Doel 3 und Tihange 2 wieder ans Netz dürfen. Beide Reaktoren stehen seit über einem Jahr still. Grund dafür sind tausende Risse, die im Reaktordruckbehälter (RDB) entdeckt wurden. Nun teilt die FANC mit, diese Risse (oder «Wasserstoff-Flakes», wie sie die Aufsichtsbehörde nennt) würden «kein unakzeptables Sicherheitsrisiko für die Reaktoren darstellen». Wie dieser Entscheid aber genau zustande gekommen ist, bleibt unklar: «Es bleiben mehr Fragen offen als beantwortet wurden», sagt Stefan Füglister, Atomexperte für Greenpeace. «Zwei von Rissen übersäte Reaktordruckbehälter auf dieser Grundlage wieder in Betrieb zu nehmen ist grobfahrlässig.»

Beznau ist nicht Doel oder Tihange
Die in Belgien entdeckten Risse führten dazu, dass auch in Schweizer AKW Ultraschallmessungen an den RDB durchgeführt wurden. Dabei kamen in Reaktor 1 des AKW Beznau Schwachstellen zutage. Nun wäre es aber höchst verfehlt, aus dem Entscheid der FANC Rückschlüsse auf die Situation in Beznau zu ziehen: «Der Entscheid in Belgien ist kein Freibrief für das Wiederanfahren von Beznau 1», betont Stefan Füglister. Die Situation ist aus verschiedenen Gründen nur sehr bedingt vergleichbar:


  • Der Reaktordruckbehälter in Beznau besteht aus einem anderen Material (unterschiedliche chemische Zusammensetzung der Stahllegierung) als die belgischen RDB
  • Der Reaktordruckbehälter in Beznau ist 14 bzw. 13 Jahre länger in Betrieb als dessen Pendants in Tihange und Doel
  • Aufgrund des längeren Betriebs muss man davon ausgehen, dass der RDB von Beznau stärker versprödet ist – was sich negativ auf die Sicherheit auswirkt
  • Nach wie vor ungeklärt ist, ob die Risse in den belgischen Reaktoren aufgrund des laufenden Betriebs grösser werden – diese zentrale Frage muss auch in Beznau geklärt werden, bevor über eine Wiederinbetriebnahme überhaupt nachgedacht werden kann

Greenpeace fordert Berichte zu Beznau
Die genaue Situation in Beznau will die Betreiberin Axpo offenbar so lange geheim halten wie es geht. Man weiss in den Führungsetagen wohl, dass ein Wiederanfahren von Beznau 1 kaum gerechtfertigt werden kann. Greenpeace Schweiz fordert, dass der Bericht der Axpo an das ENSI lückenlos veröffentlicht wird. Es kann nicht Sache von einigen Ingenieuren sein zu bestimmen was als sicher gilt und der Bevölkerung zumutbar ist.

Quelle: Greenpeace

Samstag, 7. November 2015

Klimaschutz geht ohne Atomenergie

Photovoltaik und Windkraft können Atomstrom ersetzen – Energieexperten des DIW Berlin: Renaissance der Atomkraft ist weder sinnvoll noch nötig –  Finanzierung des Rückbaus der Atomkraftwerke und der Endlagersuche sollte über öffentlich-rechtlichen Fonds gesichert werden.

Die europäischen Klimaschutzziele sind nicht gefährdet, wenn bestehende Atomkraftwerke nach und nach abgeschaltet und keine neuen mehr gebaut werden. Das ergeben Fallstudien sowie Szenarioanalysen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), denen zufolge die Emissionsminderungsziele in Europa bei einem deutlichen Ausbau erneuerbarer Energien auch gänzlich ohne Atomkraft erreicht werden können. „Europa braucht die Atomkraft nicht“, sagt Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am DIW Berlin.  

„Deutlich gestiegene Investitionskosten für neue Atomkraftwerke, zunehmende Betriebskosten und ungelöste Fragen des Rückbaus und der Endlagerung machen die Technologie auch wirtschaftlich derart unattraktiv, dass es eine Renaissance der Atomkraft nicht gibt und auch nicht mehr geben wird.“ Vor allem die immer günstigere Stromproduktion aus Windkraft und Photovoltaik könne die Rückgänge bei der Atomkraft kompensieren. Kemfert - siehe Bild - wird kommenden Freitag, 13. November, auch am AEE-Kongress in Basel auftreten.

Die Energieexperten des DIW Berlin sprechen sich dafür aus, die Finanzierung des Rückbaus der Atomkraftwerke und der Entsorgung der radioaktiven Abfälle in Deutschland über einen öffentlich-rechtlichen Fonds zu sichern. Dieser Atomfonds könnte die Rechtsform eines Sondervermögens des Bundes oder einer öffentlich-rechtlichen Stiftung haben. Die Einzahlung der Konzerne könnte in Anlehnung an die Aufbauphase des Bankenrestrukturierungsfonds über acht bis zehn Jahre gestreckt werden.

Die Atomkraft ist in der westlichen Welt ein Auslaufmodell: In vielen Ländern ist der Ausbau beinahe zum Erliegen gekommen, schon heute gehen mehr Kapazitäten vom Netz, als neue hinzukommen. Der Anteil der Atomkraft an der weltweiten Stromproduktion ist in den vergangenen 20 Jahren von 17 auf elf Prozent gesunken. Die meisten der weltweit betriebenen rund 400 Atomkraftwerke sind alt und müssen immer komplexere und teurere Sicherheitsanforderungen erfüllen. Neue Kraftwerke werden nur noch in wenigen Ländern gebaut, darunter China, Russland und Großbritannien (Hinkley Point). Die Projekte verzögern sich oftmals und sind letztlich teurer als geplant. „Noch nie ist auf der Welt auch nur ein einziges Atomkraftwerk ohne umfangreiche staatlichen Beihilfen gebaut worden“, erklärt DIW-Forschungsdirektor Christian von Hirschhausen. Verschärfte Rahmenbedingungen belasten zunehmend die Bilanzen der Atomkonzerne, die vor teilweise existentiellen Herausforderungen stehen.

Angesichts des auch deshalb bereits stattfindenden Wandels hin zu erneuerbaren Energien hat das DIW Berlin mit einem Strommarktmodell verschiedene Entwicklungspfade der Stromwirtschaft in Europa berechnet. Das Ergebnis: Im Szenario „Keine neue Atomkraft“ könnten im Jahr 2050 alle Atomkraftwerke durch einen massiven Ausbau der Windkraft und Photovoltaik sowie der Speicherkapazitäten ersetzt werden – bei gleichzeitig stattfindender Dekarbonisierung. Würde zusätzlich die Energieeffizienz deutlich steigen, wäre der Speicherausbau sogar weitgehend verzichtbar. In diesem Szenario („Keine neue Atomkraft & Energieeffizienz“) wären die Gesamtkosten, die unter anderem aus den Investitionskosten in neue Stromerzeugungskapazitäten und Netze sowie den Betriebs- und Erzeugungskosten bestehen, mit Abstand die niedrigsten. Doch auch im Szenario „Keine neue Atomkraft“ sind die volkswirtschaftlichen Kosten niedriger als für den Fall einer Laufzeitverlängerung alter Atomkraftwerke in Europa.

Wenn Atomkraftwerke stillgelegt werden, kommen hohe Kosten für den Rückbau auf die Energiekonzerne zu. Zudem müssen sie die Finanzierung der Entsorgung und Endlagerung der radioaktiven Abfälle sicherstellen. Obwohl ein vom Bundeswirtschaftsministerium veranlasster Stresstest im August dieses Jahres ergab, dass E.ON, RWE, Vattenfall und EnBW für die Entsorgungsverpflichtungen einstehen können, bleiben die Energieexperten des DIW Berlin skeptisch: Die Konzerne verlieren an der Börse an Wert, zudem könnten sich schwankende Strompreise und weitere technische Herausforderungen in den Bilanzen niederschlagen. „Mit der Einrichtung eines öffentlich-rechtlichen Fonds sollte die Finanzierung dauerhaft gesichert werden“, sagt DIW-Forschungsdirektorin Dorothea Schäfer. Um die in Deutschland erwarteten Kosten bis zum Jahr 2099 decken zu können, wären zweistellige Milliardenbeträge nötig: Nimmt man einen – angesichts der aktuellen Niedrigzinsphase realistischen – Zinssatz von 1,5 Prozent an, müssten bis zum Jahr 2024 insgesamt 82 Milliarden Euro zusammenkommen. Bei einem Zinssatz in Höhe von 4,58 Prozent, den die Konzerne bisher für ihre Rückstellungen verwendet haben, läge das Zielvolumen immer noch bei 35 Milliarden Euro.

 „Alternativen wie eine privat-rechtliche Stiftungslösung sind im Falle der Atomwirtschaft nicht geeignet“, sagt Rechtsanwältin und Co-Autorin Cornelia Ziehm und verweist in diesem Zusammenhang auf die finanzkräftige RAG-Stiftung, die die Ewigkeitskosten des Steinkohlebergbaus tragen soll. Selbst bei ihr bestünden erhebliche Risiken für die öffentliche Hand, auf den Kosten sitzen zu bleiben – und die zu erwartenden Kosten im Atombereich seien noch wesentlich höher. Bei der derzeitigen Praxis der internen Rückstellungen der Atomkonzerne bestehe die Gefahr, dass sich diese ihrer finanziellen Verantwortung durch Umstrukturierungen zumindest teilweise entziehen.

DIW Wochenbericht 45/2015 | PDF, 1 MB
DIW Wochenbericht 45/2015 als E-Book | EPUB, 2.48 MB
Interview mit Claudia Kemfert (Print | PDF, 102.93 KB und Audio) | MP3, 4.37 MB

Quelle: DIW

Dienstag, 20. Oktober 2015

Chinesen verringern Einsatz für AKW Hinkley Point

Chinesische Atomkonzerne verringern offenbar ihr finanzielles Engagement beim umstrittenen AKW-Projekt Hinkley Point C. Anders als geplant wird beim Staatsbesuch des chinesischen Präsidenten Xi Jinping in Großbritannien laut Medienberichten keine offizielle Investitionsvereinbarung zwischen der britischen Regierung und chinesischen Investoren für den Bau des Atomkraftwerks im Südwesten Englands unterzeichnet. 

Auch wollen die Staatskonzerne China National Nuclear Corporation (CNNC) und Chinese General Nuclear Power Group (CGN) deutlich weniger Geld in den Reaktorbau Hinkley Point C im Südwesten Englands stecken als angekündigt. Der Anteil soll statt der zuvor genannten 40 Prozent nur noch 30 Prozent betragen. Als Gründe dafür werden unter anderem rechtliche Unsicherheiten bei der Finanzierung des AKW-Projektes genannt. Greenpeace Energy aus Hamburg klagt mit weiteren Akteuren gegen die britischen Subventionen in Höhe von 100 Milliarden Euro für das AKW. Laut Studien verzerren diese den Wettbewerb auf dem europäischen Strommarkt und benachteiligen Anbieter erneuerbarer Energien. Ein heute von Greenpeace Energy veröffentlichtes Dossier belegt zudem, dass mindestens einer der chinesischen Staatskonzerne in Umwelt- und Bestechungsskandale verwickelt war.

„Die Investoren wissen, dass Hinkley Point C für sie zum milliardenschweren Risiko werden kann, solange die vom britischen Staat geplanten, üppigen Subventionen noch vor Gericht verhandelt werden“, sagt Sönke Tangermann, Vorstand bei Greenpeace Energy. Die beiden großen Ratingagenturen Moody’s und Standard & Poor’s hatten zuvor angekündigt, die Kreditwürdigkeit von Investoren herabzustufen, wenn diese in Hinkley Point C investieren. Grund sei vor allem die Gefahr von massiven Kostensteigerungen und einer unsicheren Finanzierungslage. „Dazu gehört auch die aus unserer Sicht unrechtmäßige und unfaire Beihilfe, die die EU-Kommission Großbritannien niemals hätte genehmigen dürfen“, sagt Tangermann.

Greenpeace Energy hat zusammen mit acht deutschen Stadtwerken und der oekostrom AG aus Österreich Mitte Juli vor dem Gericht der Europäischen Union in Luxemburg gegen die Subventions-Erlaubnis der Kommission geklagt. Auch die österreichische Bundesregierung geht gerichtlich gegen die von der EU-Kommission genehmigte Beihilfeentscheidung vor. Beide Klagen wurden vom Gericht entgegengenommen und in der vergangenen Woche im offiziellen EU-Amtsblatt veröffentlicht.
 

CNNC und CGN haben bereits 2013 von der britischen Regierung die Erlaubnis erhalten, sich finanziell an Hinkley Point C zu beteiligen. Teil des geplanten Investitions-Vertrages ist unter anderem, dass beide Unternehmen in Großbritannien mindestens ein weiteres Atomkraftwerk mit chinesischer Technik bauen dürfen. Derzeit wird auch in Großbritannien kontrovers über das Subventionspaket für Hinkley Point C diskutiert – und über die Rolle der chinesischen Partner. Britische Experten und Politiker befürchten Sicherheitsrisiken, mangelnde Transparenz und kritisieren immer stärker die hohen Kosten des Projektes.

„Wir begrüßen, dass die Debatte über dieses teure und riskante AKW-Projekt mit all seinen Folgen auch in der britischen Öffentlichkeit geführt wird“, sagt Sönke Tangermann, „denn nicht nur die staatlichen Subventionen und Garantien sind problematisch, sondern auch die möglichen Investoren.“ Dies zeigt ein Blick auf das neue Dossier mit den bisherigen Aktivitäten der chinesischen Staatskonzerne: Millionenschwere Korruption, ein ökologisch desaströser Uranabbau, Unregelmäßigkeiten bei Atomtransporten und niedrige Sicherheitsstandards bei chinesischen AKW prägen das Bild. Zudem ist über Störfälle in China und die Qualität des Krisenmanagements von CNNC und CGN viel zu wenig bekannt. „Vertrauenswürdige Partner für ein europäisches Energie-Projekt sehen anders aus“, so Tangermann.

Neben den chinesischen Unternehmen bleibt derzeit einzig der Betreiber von Hinkley Point C, der französische Staatskonzern Electricité de France (EDF), übrig, um die Investitionen zu stemmen. Diese belaufen sich auf umgerechnet mehr als 30 Milliarden Euro – sofern der aktuell geplante Kostenrahmen eingehalten wird. Der Kraftwerksbauer Areva hat aus finanziellen Gründen seine finanzielle Beteiligung von rund 15 Prozent an Hinkley Point C bereits aufgekündigt. Auch potenzielle Geldgeber aus Kuwait, Katar und Saudi-Arabien haben ihr Interesse an einer Beteiligung zurückgezogen. 


Quelle: Greenpeace Energy

Sonntag, 11. Oktober 2015

Extreme Verletzlichkeit der Schweiz

Der Genfer Geowissenschafter Frédéric-Paul Piguet hat akribisch die weltweite Exposition der Bevölkerung in Bezug auf die nukleare Gefährdung untersucht. Sein erschreckendes Fazit für die Schweiz: Mit dem AKW Beznau liegen wir an 3. Stelle unter 31 Ländern mit 194 Reaktoren.

Die Studie wurde im Auftrag der atomkritischen Organisation Sortir du Nucléaire in Genf erstellt und klassifiziert die Kernkraftwerke nach ihrer Bedrohung des Umlandes durch einen Atomkraftwerksunfall. Nach Untersuchung der insgesamt 194 in Betrieb stehenden Atomkraftwerke weltweit stehen die 4 Schweizer AKW-Standorte unter den 8 höchstklassierten. Sogar ein vergleichbar kleines Land wie die Niederlande hat ihr Atomkraftwerk Borssele weiter weg von der Bevölkerung bzw. den Zentren platziert. An vorderster Stelle sind die AKW Metsamor in Armenien und Kuosheng in Taiwan. Auf Platz 3 liegen ex aequo Beznau und Jinshan in Taiwan. In Beznau stehen gleich 2 Reaktoren, darunter der älteste weltweit. Er steht im 47. Betriebsjahr. Die übrigen Schweizer Reaktoren  folgen auf den Plätzen 5 (Gösgen), 6 (Leibstadt) und 8 (Mühleberg). Auf Platz 7 liegt der  AKW-Standort Doel in Belgien.

Der höchstplatzierte Standort mit der grössten Bevölkerungsbedrohung in Deutschland (Neckarwestheim) liegt auf Platz 17. Jener in Frankreich (St.Alban) auf Platz 34.

Ein dramatisches Gesamtbild ergibt sich bei Betrachtung der Schweizer Gesamtsituation, wie sie die zwei beiliegenden Visualisierungen auf Landkarten verdeutlichen:
  • Das Schweizer Mittelland wäre bei einem grössten anzunehmenden Atomkraftwerksunfall (GAU) der Stufe 7 im Mittelland zwischen Yverdon und Frauenfeld, Basel und Thun, La Chaux-de-Fonds und Luzern für Jahrzehnte radioaktiv schwer belastet.
  • 7 Kantonshauptstädte liegen weniger als 50km von Beznau entfernt, 8 von Gösgen.
  • 5 Kantonshauptstädte liegen im 50km-Kreis um Mühleberg, darunter auch unsere Landeshauptstadt, die gar nur 15 km entfernt liegt.
  • Verkehrstechnisch wäre die Schweiz zweigeteilt, d.h. nicht mehr direkt zwischen Genf und St.Gallen über Bern und Olten verbunden, sondern nur noch über das Wallis und Graubünden, die Alpenpässe Furka und Oberalp.
Frédéric-Paul Piguet folgert in seiner Studie, dass sich im Ernstfall einer Atomkraftwerkskatastrophe "die Frage nach dem Verschwinden von mehreren Kantonen stellen, da deren politischer Betrieb auf unbestimmte Zeit praktisch unterbrochen wäre." Er verweist auch auf die nationale Dimension: "Die Kosten eines Unfalls sind derart hoch, dass der Grundsatz der nationalen Solidarität nicht mehr funktionieren würde, um den Opfern zu Hilfe zu kommen, den vertriebenen Personen und jenen, die wegen des Unfalls ihre Stelle verlieren." Er schliesst nüchtern: "Im Bereich Kernenergie zeigt sich ein kleines Land waghalsig und unverantwortlich, wenn es die Sicherheitsnormen anwendet, die für alte Kernkraftwerke in Ländern gelten, die viel grösser und angesichts eines schweren Nuklearunfalles widerstandsfähiger sind."

Grafik 1 zeigt die Bevölkerungsdichte der Schweiz. (Es sind auch andere Dateiformate erhältlich, nehmen Sie mit K. Schuler Kontakt auf, s. unten)
Grafik 2 zeigt die Betroffenheit der wichtigsten Verkehrsachsen.
Zudem liegen hier eine deutsche Kurzfassung, die französische Vollversion der Studie sowie die wichtigste Tabelle mit dem Gesamtranking bei.


Quelle:  www.atomausstieg.ch.

Montag, 21. September 2015

Opel Beznau / Modell 1969

Zum Stand der Technik des ältesten Atomkraftwerks der Welt

 Das Auto, das Sie hier auf dem Bundesplatz sehen, ist ein Opel Olympia (Kadett B) und wurde 1969 in Verkehr gesetzt. Eine Foto liegt hier bei. Er galt damals bestimmt als technisches Bijou, ist jedoch heute - 46 Jahre später - technisch komplett veraltet. Ein simpler Motor, keine Kopfstützen, geschweige denn ein ABS-Bremssystem. Gut, dass solche Modelle höchstens im Verkehrshaus in Luzern zu finden sind. Besorgniserregend ist hingegen die Tatsache, das das Atomkraftwerk Beznau I, auch 1969 in Betrieb genommen, immer noch am Netz ist. Denn die Sicherheitsstandards des AKW entsprechen genau so der in den 60er-Jahren verfügbaren Kernenergietechnik. Obwohl die Anlage seither mehrmals nachgerüstet wurde, hat sich ihre grundsätzliche Konzeption nicht verändert. Diese zeichnet sich unter anderem durch folgende, breit dokumentierte Schwächen [1] aus:

-       Das Herzstück des Reaktors 1, der Druckbehälter, weist Materialfehler auf. Er kann  
        nicht ersetzt werden [2].
-       Die Anlage ist ungenügend gegen Erdbeben geschützt [3].
-       Ihre äussere Hülle würde einem Flugzeugabsturz nicht standhalten [4].
-       Der Sicherheitsbehälter (Containment) ist korrodiert [5].
-       Die konsequente räumliche Trennung der Sicherheitssysteme fehlt [6].
-       Die Hochwassersicherheit der Anlage, auf einer Aare-Insel stehend, ist zweifelhaft [7].

Wollen wir in der Schweiz eine Atomanlage, die dem aktuellen Stand der Technik bei weitem nicht mehr entspricht, Mensch und Umwelt bedroht? Die Allianz Atomausstieg setzt sich für eine sofortige definitive Abschaltung des Atomkraftwerks Beznau ein.

Wir laden mit dem Opel Beznau / Modell 1969 den Ständerat ein, die sofortige Stilllegung des AKW Beznau zu beschliessen.

  • JA  zur sofortigen Stilllegung von Beznau
  • JA  zu einer Laufzeitbeschränkung für alle Schweizer Atomkraftwerke
  • JA  zum Langzeitbetriebskonzept

Die Allianz Atomausstieg
In der Allianz Atomausstieg bündeln Schweizer Parteien, sowie die wichtigsten Umwelt- und Anti-Atom-Organisationen ihre Kräfte mit dem Ziel, den Atomausstieg der Schweiz voranzutreiben und gesetzlich zu verankern. Weitergehende Informationen zur Allianz Atomausstieg sowie zu Risiken und Gefahren der Atomenergie finden Sie auf der Website www.atomausstieg.ch.


Dienstag, 18. August 2015

So entwickelt sich die Atomindustrie

Vor kurzem wurde der World Nuclear Industry Status Report 2015 (WNISR) veröffentlicht. Die seit 1992 erscheinenden Jahresberichte enthalten viele brauchbare Informationen über die weltweit aktive Atomindustrie sowie eine Zusammenfassung der Entwicklungen im Bereich der erneuerbaren Energien. Hier einige der Hauptpunkte: 

Inbetriebnahme und Abschaltungen

2014 wurden fünf Atomreaktoren in Betrieb genommen (drei davon in China, einer in Argentinien und einer in Russland). Ein Atomreaktor wurde abgeschaltet (in Vermont Yankee in den Vereinigten Staaten). Während der ersten Jahreshälfte von 2015 wurden in China vier und in Südkorea ein Reaktor in Betrieb genommen. Zwei weitere wurden abgeschaltet, einer davon in Belgien (Doel-1) und einer in Deutschland (Grafenrheinfeld).

Betriebene Atomreaktoren

In 31 Ländern werden Atomkraftwerke betrieben. Insgesamt 391 Reaktoren (drei mehr als noch im vorigen Jahr) haben zusammengenommen eine Kapazität von 337 GW (fünf GW mehr als noch im Vorjahr). Von diesen Reaktoren erzeugte in Japan kein einziger Strom. Der weltweite Report über Aktivitäten in der Atomindustrie 2015 stuft 40 Reaktoren als „sich in einem Langzeit- Stromausfall befindlich“ (LTO-Long-Term Outage)ein. Neben den japanischen gibt es einen schwedischen Reaktor, der zur Kategorie gehört.

Industrie im Abwärtstrend

Diese 391 Atomreaktoren, die erwähnten ausgenommen (LTO), belaufen sich auf 47 weniger als im Jahr 2002, wo sie einen Höhepunkt von 438 erreicht hatten. Die gesamt erzeugte Stromkapazität erreichte 2010 ihren Gipfel mit 367 GW; danach sank sie um 8% auf 337 GW, vergleichbar mit Werten, die vor zwei Jahrzehnten das letzte Mal registriert wurden. 2014 erreichte die jährliche Stromerzeugung 2.410 TWh, ein Anstieg von 2.2% im Verlauf des letzten Jahres, aber 9.4 % unter dem historischen Höchststand, erreicht 2006.

Anteile bei gemischter Stromerzeugung

Der Anteil der Atomenergie an der weltweiten Stromerzeugung blieb über die letzten drei Jahre hinweg stabil. 10.8% wurden 2014 erreicht; danach sanken die Werte beständig, ausgehend von einem Höchstwert im Jahr 1996 von 17.6 %. Der Anteil der Atomkraft an weltweit kommerziell genutzter Primärenergie blieb mit 4.4 % stabil. Dies war der niedrigste Wert seit 1984.

Das Alter der Atomreaktoren

Es gibt noch keine neuen Bauprogramme – außer in China. Daher steigt das Alter der weltweit sich in Betrieb befindlichen Atomreaktoren weiterhin. Zur Jahresmitte 2015 lag es bei 28.8 Jahren. Das Durchschnittsalter der 41 Reaktoren (LTO-Typen) liegt bei 26.4 Jahren. Mehr als die Hälfte aller Reaktoren – 199 an der Zahl – waren über 30 Jahre lang in Betrieb. Das schließt auch die 54 Reaktoren ein, die bereits über 40 Jahre lang aktiv sind. Ein Drittel - 33 Kraftwerke in den Vereinigten Staaten sind ebenfalls schon 40 Jahre lang am Netz.

Voraussagen über die Lebensdauer von Atomkraftwerken

Wenn man alle derzeit in Betrieb befindlichen Reaktoren nach ihrer 40-jährigen Ablaufzeit schließen würde, so läge bis zum Jahr 2020 die Anzahl der Reaktoren um 19 Einheiten unterhalb derer aus dem Jahr 2014. Im folgenden Jahrzehnt – also bis 2030 – müssten 188 Einheiten (178 GW) ersetzt werden. Das heißt also, fünf Mal mehr als die Zahl der neu in Betrieb genommenen Kraftwerke aus der vorherigen Dekade.

Verzögerungen beim Bau

Wie bereits in den vorigen Jahren errichten derzeit 14 Länder Atomkraftwerke. Beinahe 40% (24) der Projekte befinden sich in China. Alle der im Bau befindlichen Reaktoren (in 10 der 14 Länder) müssen sich mit Verzögerungen herumschlagen, meistens bereits jahrelang. Weltweit sind mindestens ¾ (47) der sich noch im Bauprozess befindlichen Atomreaktoren im Verzug. Fünf Kraftwerke wurden über 30 Jahre lang als „im Bau befindlich“ bezeichnet.

Bauzeiten

Die durchschnittliche Bauzeit der letzten 40 Reaktoren (in neun Ländern), die seit 2005 in Betrieb genommen wurden, alle mit einer Ausnahme (Argentinien) in Asien und Osteuropa – lag bei 9.4 Jahren (rangierend von vier bis 36 Jahren).

Baubeginn

Im Jahr 2014 begann der Bau dreier Atomkraftwerke: einer in Argentinien, einer in Weißrussland, und einer in den Vereinigten Emiraten. Dies steht im Vergleich zu 15 Bauanfängen – (10 davon alleine in China im Jahr 2010) und 10 weiteren im Jahr 2013. China begann kein einziges Bauprojekt im Jahr 2014, aber zwei in der ersten Jahreshälfte 2015. Dies waren die einzigen beiden in dieser Zeitperiode. Eine historische Analyse ergibt, dass die Zahl der Baustarts weltweit ihren Höhepunkt 1976 mit 44 Atomreaktoren erreicht hatte. In den viereinhalb Jahren vom ersten Jänner 2011 bis zum ersten Juli 2015 wurde der erste Beton für nur 26 neue Atomkraftwerke ausgebracht – das sind weniger Bauprojekte als in einem einzigen Jahr in den 70-er Jahren.

Baustornierungen

Zwischen 1977 und 2015 wurde eine Gesamtzahl von 92 Baugrundstücken (eines von 8 in 18 Ländern) in unterschiedlichen Entwicklungsstadien entweder aufgegeben oder das Projekt unterbrochen oder abgebrochen.

Verzögerungen bei Neustart-Projekten

Nur zwei Länder, in denen neue Programme geplant sind, bauen tatsächlich Reaktoren – und zwar Weißrussland und die Vereinigten Arabischen Emirate. Weitere Verzögerungen ergaben sich im Verlauf eines Jahres bei der Entwicklung neuer Programme. Hierbei handelt es sich unter anderem um Bangladesch, Ägypten, Jordanien, Polen, Saudi Arabien und Vietnam.

Verzögerungen bei „Reaktoren der dritten Generation“

29 Jahre nach der Katastrophe in Tschernobyl wurde keiner der Atomreaktoren der nächsten oder sogenannten dritten Generation in Betrieb genommen. Bauprojekte in Finnland und England sind viele Jahre im Verzug. Von den 18 Reaktoren des Dritte-Generation-Modells (acht Westinghouse AP 1000, sechs Rosatom AES-2006 und vier AREVA/EPR Projekte) liegen 16 zwischen zwei und neun Jahre im Rückstand. Es gibt dafür viele Gründe: Schwierigkeiten mit den Projktentwürfen, Mangel an qualifiziertem Personal und Probleme mit der Qualitätskontrolle, Komplikationen bei der Anlieferung des benötigten Materials, schlechte Planung und finanzielle Engpässe. Es fand auch keine einheitliche Normierung statt; die Einführung von Entwurfs-Modulen hat das Thema Qualitätskontrolle von den AKW-Baustellen auf die Modul-Fabriken verlagert.

Steigende Betriebskosten

In einigen Ländern (einschließlich Belgien, Frankreich, Deutschland, Schweden und der Vereinigten Staaten) sind die inflationsangepassten Betriebskosten pro Reaktor so stark eskaliert, dass sie im Durchschnitt bereits die allgemein für solche Unternehmen üblichen Energieverkaufspreise knapp erreichen oder sogar überschreiten. Dies führte zu einer Reihe von negativen Rückmeldungen von Seiten der Atomkraftwerks-Betreiber.

Atomkraft versus erneuerbare Energien

Nach zwei Jahren eines Abwärtstrends hat das weltweite Investment in erneuerbare Energien im Jahr 2014 wieder um 270 Milliarden US $ (+17%) zugenommen. Dieses Ergebnis kommt dem Gesamtrekord von 2011 nahe (278 Milliarden US $) und liegt viermal so hoch wie noch im Jahr 2004. Das Ausmaß, in dem in neue Atomkraftwerke investiert wurde, blieb indessen eine ganze Magnitude unterhalb dieses Niveaus.

In Betrieb genommene erneuerbare Energiequellen

Im Jahr 2014 waren fast die Hälfte (49%) der zusätzlichen stromproduzierenden Energiequellen erneuerbaren Ursprungs. Dazu gehören 49 GW von durch Windräder und 46 GW mittels Photovoltaik erzeugten Stroms. Seit dem Jahr 2000 hat die Windenergie global betrachtet 355 GW und Sonnenenergie 179 GW zusätzlich geliefert – jeweils 18 und 9mal mehr als Nuklearenergie mit insgesamt 20 GW Kapazitätszuwach.

Elektrizitäts-Generation

Folgende Länder produzieren mehr Elektrizität mithilfe erneuerbarer Energiequellen, als durch Atomkraftwerke (darunter drei der vier größten Wirtschaftsmächte): Brasilien, China, Deutschland, Indien, Japan, die Niederlande und Spanien. Diese acht Länder repräsentieren mehr als drei Milliarden Menschen oder 48 % der Weltbevölkerung.


Quelle: Mycle Schneider, Antony Froggatt et al., Juli 2015 (World Nuclear Industry Status Report 2015)

Quelle   oekonews.at | holler 2015 | Übersetzung aus dem Nuclear Monitor 807 Übersetzung: Ina Conneally | Bernhard Riepl