Mittwoch, 27. April 2016

Energiewende macht uns zu Gewinnern


Nach der Tschernobyl-Katastrophe vor 30 Jahren hatten viele deutsche Atomkraft-Gegner gehofft, dass der Ausstieg aus der Nuklearenergie rasch kommen werde. Aber es bedurfte erst des nächsten großen Unfalls in Fukushima – damit vor jetzt fünf Jahren Deutschland, die Schweiz und die Niederlande den Atomausstieg beschlossen. Doch inzwischen ist das globale Ende der Atomkraft absehbar. Betrachtungen des deutschen Energiepublizisten Franz Alt.


Die Welt steigt aus der Atomenergie aus
Vor fünf Jahren liefen weltweit noch 438 AKWs, heute sind es noch 391 und die Hälfte von ihnen muss in den nächsten 15 Jahren aus Sicherheits- und Altersgründen stillgelegt werden. Nur wenige neue AKW werden noch gebaut – und diese mit bis zu zehn Jahren und mehr Verspätung. Atomstrom ist zu teuer und mit den Erneuerbaren nicht mehr konkurrenzfähig. Die Alternativen sind deshalb preiswerter, weil Sonne und Wind keine Rechnung schicken und so gut wie keine Entsorgungskosten anfallen. Zudem sind Solaranlagen und Windräder weit schneller zu errichten als AKW. 

Vor Fukushima erzeugten AKWs weltweit 18% des Stroms, heute noch elf Prozent. Tendenz stark rückläufig. Neue AKW können nur noch dort gebaut werden, wo der Staat sie finanziert, privaten Anlegern ist das Risiko zu hoch. Die deutschen AKW-Betreiber sind mit Milliarden Euro verschuldet. Die französische EDF sitzt sogar mit 37 Milliarden Euro in der Schuldenfalle. 

China stellt 2016 noch acht Milliarden Dollar für Atomtechnik zur Verfügung, aber 83 Milliarden für erneuerbare Energie. Japan hat nach dem Fukushima-Debakel, alle 48 AKW stillgelegt und bis heute nur zwei wieder ans Netz gebracht. Andererseits hat sich seit dem Jahr 2.000 hat sich der Solarstrom global verhundertfacht, die Windenergie verzehnfacht, der Bau von energieeffizienten Passivhäusern verhundertsechzigfacht. Diese positive Entwicklung verläuft global nicht linear, sondern exponentiell.

Der Anfang vom Ende der Atomenergie ist erstmals in Sicht. Hierzulande will nur noch die AFD mit der Atomkraft in die Zukunft.
Können wir uns eine Wirtschaft vorstellen, die nicht nur dem Kapital, sondern auch dem Gemeinwohl und den Menschen dient, deren Wohlbefinden verbessert, den sozialen Fortschritt unterstützt und in der kein Kind mehr verhungern muss, in der wir einen verantwortungsvollen und nachhaltigen Umgang mit den Ressourcen lernen und eine Schließung von Stoffkreisläufen?
Ja, das ist möglich, sagt der englische Zukunftsforscher John Elkington mit seiner These „Die Welt bleibt grün“. Ernst Ulrich von Weizsäcker hat diese Möglichkeit schon vor Jahren in seinem Bestseller „Faktor Fünf“ beschrieben. Das sagen aber auch der deutsche Chemieprofessor und Umweltforscher Michael Braungart und der US-amerikanische Architekt William McDonough in ihrem revolutionären Buch „Intelligente Verschwendung – The Upcycle: Auf dem Weg in eine neue Überflussgesellschaft“. Braungart und McDonough sind die Begründer des „Cradle-to-Cradle“-Konzepts („Von der Wiege in die Wiege“), das aufzeigt, dass wir Menschen zu weit eleganteren und effizienteren Umweltlösungen als bisher in der Lage sind.        

Der Klimawandel wurde von Menschen verursacht, also können ihn Menschen auch wieder stoppen. Es waren menschliche Entscheidungen, in die Atomkraft einzusteigen, also können Menschen auch wieder beschließen, aus der Atompolitik auszusteigen.       
Die Hauptthese des „Cradle-to-Cradle“-Prinzips: Abfall war gestern – ab jetzt gibt es nur noch Nährstoff e, die bisher lediglich am falschen Platz waren. Alle Produkte verbleiben in einem steten Kreislauf. Nur noch gesunde, recyclebare und unbedenkliche Materialien werden eingesetzt. Diese drei Autoren zeigen an vielen konkreten Beispielen, dass wir schon heute Produkte so herstellen können, dass alle verwendeten Materialien wieder genutzt werden. Solche Prozesse sind bereits nachweisbar bei Autos und Teppichböden, bei Waschmaschinen und Solaranlagen sowie beim Bau von Häusern. Teppiche und Farben können dazu beitragen, eine bessere Raumluft zu erzeugen. So wie ein Kirschbaum, der einen positiven Einfluss auf das restliche Ökosystem hat. In den USA und in Europa, in Indien, China und Japan setzen bereits viele Firmen mit Erfolg auf dieses neue Kreislaufprinzip. Dabei geht es nicht nur um eine neue Wirtschaft, sondern auch um ein neues Menschenbild: Der Mensch ist nicht länger Schädling, er wird Nützling.        

Alle Menschen können künftig zu einem nie gekannten ökologischen Wohlstand finden. Wir müssen freilich lernen, nicht länger gegen die Natur, sondern mit der Natur zu leben, zu arbeiten und zu wirtschaften. Das heißt natürlich auch: weniger Konkurrenzdenken und -handeln, sondern mehr Kooperation. Weniger Ich, mehr Wir. 2014 und 2015 waren bereits bescheidene Wendejahre. 2015 beim Weltklimagipfel in Paris haben es erstmals in der Menschheitsgeschichte alle 195 Staaten und die EU geschafft, sich als Menschheitsfamilie zu verstehen und gemeinsam einem Klimaschutzabkommen zuzustimmen, das diesen Namen auch verdient. Doch die entscheidende Frage bleibt: Schaffen wir auch eine generelle und dauerhafte Wende?    

Siegeszug für Sonne und Wind 
2014 und 2015 wurde weltweit bereits mehr Geld in erneuerbare Energien investiert als in fossil-atomare. 2014 ging der Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase erstmals seit Jahrzehnten leicht zurück – trotz steigender Wirtschaftskraft. Der Preis für eine Kilowattstunde Solarstrom sank in Deutschland von 70 Cent im Jahr 2000 auf etwa 8 Cent heute, in sonnenreichen Ländern auf circa 4 Cent und weniger.        

Deshalb ziehen jetzt immer mehr Investoren ihr Geld aus fossilen und atomaren Anlagen zurück – wie zum Beispiel der weltgrößte staatliche Vermögensfonds in Norwegen von Kohleinvestitionen. Soeben hat die weltgrößte Kohlefirma pleite gemacht. Ja, sogar die Rockfeller-Stiftung und die deutsche Allianz-Versicherung werden sich von Kohle-Investitionen verabschieden.      
 
Die Menschen wollen die Energiewende – in Deutschland zu über 80 Prozent, ähnlich in Japan und allmählich sogar in den USA. Diese positiven Entwicklungen werden auch von der größten Volkswirtschaft der Welt vorangetrieben, von China. Dort gab es 2014 sieben Prozent wirtschaftliches Wachstum, aber acht Prozent weniger Treibhausgase als im Vorjahr. Ein überraschender Fortschritt, aber noch kein Beweis für eine dauerhafte und globale Trendwende. Doch auf der Pariser Weltklimakonferenz hat China erstmals die Verhandlungen nicht mehr blockiert, sondern mit vorangetrieben.    

Papst und Dalai Lama sind sich einig 
Auf geistiger Ebene, wohl der entscheidenden, unterstützen sowohl der Papst in seiner Enzyklika Laudato si ohne Wenn und Aber die Energiewende und den Klimaschutz ebenso wie auch der Dalai Lama in dem soeben erschienen Buch Ethik ist wichtiger als Religion, das ich mit ihm zusammen ich acht Weltsprachen publizierte habe.        

Ökostrom ist kein Luxus mehr für wenige, sondern preisgünstige und umweltfreundliche Energie für alle. In Indien und in Afrika werden bereits tausende Dörfer komplett mit Ökoenergie versorgt. Die Energiewirtschaft befindet sich weltweit in der Phase einer industriellen Revolution – von unten, wie jede erfolgreiche Revolution. Afrika und die Sonne: welch eine Vision! Wir können mit einer solaren Energiewende erstmals in der Menschheitsgeschichte den Hunger überwinden und ins Museum der Geschichte stellen. Voraussetzung dafür ist preiswerte und ausreichende Energie, Wasserversorgung und Bildung. Dieser Dreiklang verändert alles.      

Und warum gibt es zurzeit in Deutschland so viele Bedenkenträger gegen die Energiewende? Strom aus Braunkohle ist die mit Abstand klimaschädlichste Form der Stromerzeugung. Doch die unheilige Allianz aus kurzsichtigen Gewerkschaftlern und Kohle-Politikern in CDU und SPD ist noch immer stärker und einflussreicher als alle vernünftigen Gegenargumente der Klimaschützer.       

Der Ausstieg aus der Braunkohle ist der nächste Ausstieg nach dem Atomausstieg. Den wir ja auch erst zur Hälfte geschafft haben.   „Der gleichzeitige Ausstieg aus Atom und Kohle geht nicht“, sagen Kanzlerin und Vizekanzler unisono. Doch diese Politik passt überhaupt nicht zusammen mit dem, was der G7-Gipfel in Elmau verkündet hat und auch nicht mit dem erklärten Ziel der Bundesregierung, bis 2050 bis zu 95 Prozent allen Stroms in Deutschland erneuerbar zu erzeugen. Die Weltbank hat schon vor Jahren ausgerechnet, dass keine Energiewende wegen der Folgekosten der alten Energieträger fünfmal teurer wird als eine rechtzeitige und intelligente Energiewende. Fakt ist auch: Durch erneuerbare Energieträger entstehen weit mehr Arbeitsplätze als in den alten Energien verloren gehen.       

Die Energiewende macht uns also alle zu Gewinnern: Es entstehen mehr Arbeitsplätze, wir schützen das Klima, leben in größerer Sicherheit und Unabhängigkeit. Und wir schaffen Wohlstand für alle.       

Allein die Sonne schickt uns jeden Augenblick unseres Hierseins 15 000-mal mehr Energie, als zurzeit alle Menschen verbrauchen. Eigentlich gibt es von Natur aus gar kein Energieproblem. Wir machen uns nur eines. Die Energiewende ist also keine Last, wie uns von Interessenvertretern und ihren politischen Helfern oft erzählt wird, sondern die großartige Chance, ein für allemal eines der größten Probleme unserer Zeit zu lösen.         

Unser Zentralgestirn liefert uns noch über sechs Milliarden Jahre alle Energie, die wir brauchen: Preiswert, umweltfreundlich, ausreichend, für alle und für alle Zeit.       

Die Energiewende wird freilich nur gelingen, wenn sie mit größerer sozialer Gerechtigkeit einhergeht. Eine Oxfam-Studie hat kürzlich ergeben, dass die 62 reichsten Menschen unseres Planeten über mehr Geld verfügen als die ärmere Hälfte der Menschheit. „Diese Wirtschaft tötet“, schreibt der Papst zu Recht. Und diese Wirtschaft produziert Millionen neue Flüchtlinge.      

Zwei Dinge sind für das Überleben der Menschheit zur Überlebensfrage geworden: die Energiewende und eine größere Gerechtigkeit. Ein erster Schritt zu mehr Gerechtigkeit wäre zum Beispiel ein globaler Mindestlohn von einem Dollar pro Stunde. Näherinnen in Bangladesch erhalten heute 25 Cent pro Stunde.  

Wie bei der Energiewende kommt es dabei darauf an, dass einige fortschrittliche Länder vorangehen. Trotz anfänglicher Bedenken hat sich gerade in Deutschland gezeigt, dass der Mindestlohn ein großer Erfolg ist. Außerdem kann die größte Ungerechtigkeit zwischen Reich und Arm dadurch gemildert werden, dass endlich das Geschäftsmodell der Steueroasen beendet wird und Riesenvermögen höher besteuert werden. Noch immer haben neun von zehn Großkonzernen Niederlassungen in Steueroasen.        

Ein Skandal. Bürger zur Sonne, zur Freiheit und zu mehr Gerechtigkeit. 
Quelle   FRANZ ALT 2016 | Erstveröffentlichung kontext:wochenzeitung 2016

Montag, 25. April 2016

Entscheid über britisches Hinkley-AKW erneut verschoben

Electricité de France (EDF), der verantwortliche Konzern für das geplante Atomkraftwerks Hinkley Point C in Großbritannien, verschiebt laut Medienberichten seine für Anfang Mai vorgesehene Investitionsentscheidung für den umstrittenen AKW-Bau auf September. Die Entscheidung kommentiert Marcel Keiffenheim, Leiter Politik und Kommunikation bei Greenpeace Energy:

 
„Hinkley Point C stirbt einen teuren Tod auf Raten. Üppige Garantien, mehr als 100 Milliarden Euro Subventionen vom britischen Staat sowie die gerade erst zugesagten Finanzspritzen aus der französischen Staatskasse reichen offenbar immer noch nicht, dem Risiko-Projekt die nötige Investitionssicherheit zu geben. Diese erneute, mehrmonatige Verschiebung des Baus ist eine Bankrotterklärung der Atomindustrie und zeigt, wie schwer sich die beteiligten Staaten inzwischen tun, Hinkley Point C gegen bestehende wirtschaftliche, juristische und technische Probleme durchzudrücken. Bei diesem AKW-Projekt geht es längst nicht mehr um Energieversorgung, sondern einzig und allein um politische Gesichtswahrung. Allerdings wird mit jeder weiteren Verschiebung unwahrscheinlicher, dass Hinkley Point C jemals ans Netz geht.“
Redaktioneller Hinweis: Ein am Freitag veröffentlichtes Rechtsgutachten von Greenpeace Großbritannien kommt zu dem Fazit, dass weitere Finanzspritzen für den EDF-Konzern zum Bau von Hinkley Point C vermutlich mit dem EU-Beihilferecht nicht vereinbar sind. Das Gutachten in Englisch finden Sie unter: energydesk.greenpeace.org/2016/04/22/french-government-support-for-edf-could-be-illegal-warn-top-lawyers/

Hintergrund: Hinkley Point C soll 2025 ans Netz gehen. Die britische Regierung will mit dem geplanten Atomkraftwerk die Versorgungssicherheit des Landes sicherstellen und hat den AKW-Investoren für die Laufzeit von 35 Jahren eine garantierte Einspeisevergütung von umgerechnet rund 120 Euro für jede in Hinkley Point C produzierte Megawattstunde versprochen. Das sind rund 40 Prozent mehr, als etwa ein neuer Windpark in Deutschland an Vergütung erhält. Laut Berechnungen des Berliner Analyseinstituts Energy Brainpool summiert sich die Garantie-Vergütung für Hinkley Point C über die Förderlaufzeit von 35 Jahren unter Berücksichtigung der Inflation auf rund 108 Milliarden Euro. Greenpeace Energy klagt gemeinsam mit neun weiteren Unternehmen gegen dieses Subventionspaket, weil es den Wettbewerb auf dem europäischen Energiemarkt zu Lasten der Erneuerbaren verzerrt. 


Quelle: Greenpeace Energy Deutschland

Freitag, 25. März 2016

Wie schwer ist ein Terroranschlag auf ein AKW?

Vor einem Jahr flog ein deutscher Kopilot sein Flugzeug mit 150 Insassen bewusst in eine Alpenschlucht. Nur wenige Kilometer entfernt laufen drei französische Atomkraftwerke. Was wäre gewesen, wenn er den Flieger in eines dieser drei AKW gesteuert hätte? Europa würde heute anders aussehen. Ein Gastkommentar von Franz Alt.

In Frankreich laufen noch immer 58 AKW und in Deutschland neun. In diesen Tagen des Terroranschlags in Brüssel stellt sich die Frage eines Anschlags auf ein AKW ganz neu und dringlich. Belgiens sieben Atomkraftwerke gelten schon lange als Sicherheitsrisiko. Französische und belgische Zeitungen berichten, dass die AKW Doel und Tihange als Anschlagsziele schon länger von Terroristen ins Visier genommen wurden. Im Radius von 75 Km des AKW Doel leben rund neun Millionen Menschen. Im Oktober 2014 entdeckten belgische Behörden, dass ein Dschihadist von 2009 bis 2012 im Hochsicherheitstrakt von Doel gearbeitet hatte. Der Mann hieß Ilyass Banghalab, stammte aus Marokko und war Mitglied einer islamistischen Gruppe, die aus Belgien einen islamischen Gottesstaat machen wollte. Der Mann war auch Mitglied des „Islamischen Staats“, IS.
 
Natürlich lebt der Terrorist, der einen solchen Anschlag plant, schon lange mitten unter uns. Wer das nicht erkennt, lebt im Reich der Illusionen, aber nicht auf dieser Erde. Zudem besteht berechtigte Angst vor einer IS-Atombombe.
„Die Herstellung eines atomaren Sprengsatzes ist kein Problem“, sagt der Energie- und Atompolitikberater Mycle Schneider der TAZ. In den USA haben zwei Studenten über öffentlich zugängliche Literatur in eineinhalb Jahren ein Atombomben-Konzept gebastelt. Wir haben bisher nur Glück gehabt, meint Schneider: „Man muss befürchten, dass es Terrorattacken auf Atomanlagen geben wird, die zur Freisetzung großer Mengen Radioaktivität führen könnten“.
Schon bisher gab es Vorfälle der verschiedensten Art, die Anlass zur Sorge geben. Am 11. September 2001 ist eines der Flugzeuge in Pennsylvania abgestürzt, das vermutlich auf ein US-AKW angesetzt war. 

2015 sind über allen französischen AKW Drohnen gesichtet worden – ein Vorfall, der bis heute nicht aufgeklärt ist. Die TAZ fragte den Atomfachmann auch, wie schwer es sei, ein Atomkraftwerk so zu sabotieren, dass es zu einem GAU kommt. Schneider: „Ich sage es nicht gern, aber technisch ist das nicht sehr schwer“. 

Je rascher sich die Menschheit von der Atomenergie verabschiedet, desto sicherer wird die Welt.

SPIEGEL ONLINE: Terror in Belgien: Verdächtiges Personal im Atomkraftwerk. Nach den Brüsseler Anschlägen haben Betreiber externe Mitarbeiter aus Belgiens Atommeilern verbannt. Schon einmal hat ein Dschihadist über ein Subunternehmen einen Job in einem belgischen AKW bekommen.

Quelle: Franz Alt / sonnenseite.com 

Montag, 7. März 2016

Was kommt nach dem Milliardenverlust von Alpiq noch?


Wer vor Jahresfrist geglaubt hatte, mit den Milliardenabschreibern von Axpo und Alpiq sei die Sache gegessen, sieht sich nun getäuscht: Nachdem schon Axpo – vorwiegend in der Nordostschweiz tätiger Stromriese -  kürzlich einen weiteren Gewaltsabschreiber vermeldet hatte, ist es nun die Alpiq – in der Westschweiz geschäftend, die erneut fast eine Milliarde verbrannt hat. Wie nur kann das weiter gehen?  Ein Kommentar von Solarmedia-Autor Guntram Rehsche.

Die Geschichte ist zweifellos noch nicht zu Ende. Denn nicht nur die Wasserkraft produziert derzeit mit Verlust – vor allem auch die Atomkraft hat diesen Mühlstein am Hals. Früher hoch gelobt für ihre kostengünstige Produktion von 4-5 Rappen pro Kilowattstunde (auch wenn das nicht die ganze Wahrheit resp. der ganze Preis war), so müssen die verantwortlichen KonzernlenkerInnen nun definitiv eingestehen, dass Grosshandelspreise von um die 3 Rappen eben auch nicht ausreichen, die Kilowattstunde Atomstrom rentabel zu erzeugen.
Alpiq will nun im Zuge des tiefroten Jahresabschlusses mit den Wasserkraftwerken einen Teil des Tafelsilbers verkaufen, obwohl dieses angelaufen ist. Ausser auf zweifelhafte Art und Weise (entweder zu billig oder an ausländische Bewerber) wird ihr das genauso wenig gelingen wie dem Kanton Zürich, der sich aus seiner Beteiligung an der Axpo (und damit an deren Atomanteilen) davonstehlen will. 

Da lagen jene Votanten an der diesjährigen Nationalen Photovoltaiktagung Ende Februar (siehe Solarmedia vom 25. 2.16) nicht falsch, die das Gespenst einer Bad Bank für alle Atombeteiligungen an die Wand malten. Wenn dieses Realität würde, müsste jemand anderes als die grossen Stromkonzerne die Zeche bezahlen – die SteuerzahlerInnen. Und anders als bei der Finanzkrise, deren Bad-Bank-Konstruktionen sich am Schluss für diese gerade noch als profitabel erwiesen (anders als in Ländern wie Deutschland, Belgien und weiteren EU-Staaten), ist ein solches Happy End für die Atomwirtschaft nicht zu erwarten. Denn bei der Atomstromproduktion drücken nicht nur die aktuell tiefen Preise auf das Geschäft – sondern vor allem die noch längst nicht abschätzbaren Kosten der Stilllegung und Entsorgung, wenn es denn einmal mit den AKW’s zu Ende geht. Dass sich die eidgenössischen Parlamentarier gerade eben erst für unbegrenzte Betriebsbewilligungen ausgesprochen haben, macht die Verlustwahrscheinlichkeit nicht kleiner – denn neben das finanzielle Minus tritt so auch noch ein Gauszenario, dessen Wahrscheinlichkeit mit dem politischen Entscheid noch grösser geworden ist. 

Gänzlich unverständlich unter diesen Umständen, dass es in der Schweiz immer noch Protagonisten  der Atomkraft gibt, wie etwa den Berner FdP-Nationalrat Christian Wasserfallen, die die Option Atomkraft sogar für Neubauten weiterhin offen halten wollen.

© Solarmedia Guntram Rehsche / Bild: Beat Jost

Montag, 29. Februar 2016

Finnland baut erstes Atommüll-Endlager

Als erstes Land der Welt baut Finnland ein Atommüll-Endlager für hochradioaktive Abfälle. Diese sollen in Tunnellöchern verschlossen 100.000 Jahre lagern. Die Anwohner akzeptieren das Endlager, Finnland baut unterdessen einen neuen Reaktor. 

Ab 2023 entsteht in Finnland das weltweit erste Atommüll-Endlager für hochradioaktive Abfälle. Mehrere hundert Tunnel werden acht Meter tief in den Fels gebohrt. Dort werden die Kupfer-Container mit den Brennelementen eingelassen und mit der Vulkanasche Betonit verschlossen.
Bereits Ende Dezember gab die finnische Regierung grünes Licht für den Bau des Lagers auf der Halbinsel Olkiluoto im Südwesten Finnlands. 6.500 Tonnen Atommüll können dort gut 400 Meter unter der Erde deponiert werden. In der Nähe der Stadt Rauma befindet sich auch das Kernkraftwerk Olkiluoto mit derzeit zwei aktiven Siedewasserreaktoren. Seit 2005 wird an gleicher Stelle vom französischen Atomkonzern Areva ein Europäischer Druckwasserreaktor (EPR) errichtet. Es gibt massive Probleme, die Kosten explodieren von ursprünglich 3 Milliarden Euro auf wohl 9 Milliarden, zudem wurde die Inbetriebnahme mehrmals verschoben und ist nun für 2018 geplant. 

Solche Pannen sollen beim geplanten Endlager für hochradioaktive Abfälle nicht geschehen. Die Lizenz zum Bau erhielt die finnische Firma Posiva, die auf dem Gelände bereits seit 1992 ein Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle betreibt. Im neuen 3,5 Milliarden Euro teuren Endlager sollen die verbrauchten Brennelemente mit Kupfer ummantelt in hunderte Tunnellöcher geschoben werden. Mehrere hundert dieser Löcher werden in den Fels gebohrt, jedes ist acht Meter tief. Die Kammern werden anschließend mit Betonit verschlossen, eine Vulkanasche, die u.a. in der Bautechnik als Dichtungsmittel verwendet wird und beim Kontakt mit Wasser aufquillt. 

2023 soll der Bau größtenteils abgeschlossen sein, bis dahin muss Posiva zudem noch Umweltverträglichkeitsprüfungen vornehmen. Es wird vorrausichtlich 100 Jahre dauern, bis der ganze finnische Atommüll im Tunnelsystem eingemauert ist. 100.000 Jahre soll der strahlende Müll dann im Endlager bleiben, bis die Strahlung abgeklungen ist. Was bis dahin geschieht, weiß niemand. Sollte eine neue Eiszeit kommen – historisch gesehen nicht unwahrscheinlich – könnte der Fels angehoben werden und die Container wären nicht mehr sicher. Posiva will in einem solchen Fall die Behälter bergen und an einen anderen Ort bringen. Es sei auf jeden Fall besser, den Atommüll im Fels zu lagern als außerhalb, so die einhellige Meinung. Ein wirklich sicheres Gefühl bleibt bei solchen Aussagen nicht. Immerhin die direkten Anwohner in der Gemeinde Eurajoki vertrauen den Behörden und der Politik, Proteste gibt es kaum. 

Donnerstag, 28. Januar 2016

Auch bei britischem AKW-Neubau bereits Verzögerungen

Der französische Energiekonzern Electricité de France (EDF) hat laut übereinstimmenden Medienberichten seine für gestern geplante Investitionsentscheidung für den Bau des Atomkraftwerks Hinkley Point C in Großbritannien erneut vertagt. Damit verzögert sich abermals der Baubeginn für das umstrittene AKW, dessen Betrieb der britische Staat mit umfangreichen Subventionen finanzieren will.

Sönke Tangermann, Vorstand von Greenpeace Energy meint: "Zum neunten Mal hat das EDF-Management seine Entscheidung darüber verschoben, ob man Hinkley Point C denn nun bauen will oder nicht. Farce oder Taktik - diese Nicht-Entscheidung überrascht nicht wirklich: Dem hochverschuldeten Konzern fehlt derzeit schlicht das Geld, um das teure Prestige-Projekt alleine zu stemmen. Auch die chinesischen Partner wollen weniger investieren als erwartet - und das alles trotz der versprochenen üppigen Milliarden-Subventionen. Rating-Agenturen, Gewerkschafter oder Aufsichtsbehörden warnen längst vor den finanziellen, technischen und juristischen Risiken des Projektes. Dazu gehört auch die Klage des deutschen Energieversorgers Greenpeace Energy gegen das vorgesehene Subventionspaket.

Ursprünglich sollte Hinkley Point C bereits 2017 Strom liefern. Doch ob und wann das umstrittene AKW jemals gebaut wird - diese Frage ist mit der erneut verschobenen Investitionsentscheidung weiter in die Ferne gerückt. Die Unsicherheiten am Projekt dürften damit aber noch wachsen, und auch das geht letztlich zu Lasten der britischen Bevölkerung. Denn das Land braucht jetzt dringend ein Konzept für eine sichere Energieversorgung, weil alte Kraftwerke in den nächsten Jahren vom Netz gehen. Die EDF-Manager sollten endlich den Mut aufbringen, sich vom Projekt Hinkley Point C zu verabschieden - um in Großbritannien den Weg für saubere, sichere und kostengünstigere Energie-Alternativen frei zu machen."


Hintergrund:  Hinkley Point C soll 2025 ans Netz gehen. Die britische Regierung will mit dem geplanten Atomkraftwerk die Versorgungssicherheit des Landes sicherstellen und hat den AKW-Investoren für die Laufzeit von 35 Jahren eine garantierte Einspeisevergütung von umgerechnet 120,51 Euro für jede in Hinkley Point C produzierte Megawattstunde versprochen. Das sind rund 40 Prozent mehr, als z.B. ein neuer Windpark in Deutschland an Vergütung erhält. Laut Berechnungen des Berliner Analyseinstituts Energy Brainpool summiert sich die Garantie-Vergütung für Hinkley Point C über die Förderlaufzeit von 35 Jahren unter Berücksichtigung der Inflation auf rund 108 Milliarden Euro. Greenpeace Energy klagt gemeinsam mit neun weiteren Unternehmen gegen dieses Subventionspaket, weil es den Wettbewerb auf dem europäischen Energiemarkt zu Lasten der Erneuerbaren verzerrt. Auch Österreich, unterstützt von Luxemburg, hat vor dem Gericht der Europäischen Union in Luxemburg geklagt. Beide Verfahren laufen derzeit.

Quelle: Greenpeace Energy

Montag, 25. Januar 2016

Schwindende Sicherheit erfordert mehr Kontrollen

Eine neue Studie des französischen Nuklearexperten Yves Marignac zeigt am Beispiel des AKW Beznau auf, wie die ursprüngliche Sicherheitsmarge im Laufe der Betriebszeit erodiert. Diese Marge mit Investitionen in die Nachrüstung zu erhalten, wie die Betreiber das versuchen, ist eine Illusion. Vor diesem Hintergrund und zum Schutz der Bevölkerung fordert die Schweizerische Energie-Stiftung SES die nationalrätliche Energiekommission auf, im Kernenergiegesetz ein Langzeitbetriebskonzept zu verankern. 

Nach den traurigen Ereignissen in Fukushima und dem wegweisenden Beschluss des Bundesrates, die zukünftige Energieversorgung der Schweiz ohne neue Atomkraftwerke zu gestalten, befinden wir uns heute in einer paradoxen Situation: Die AKW-Sicherheit in der Schweiz nimmt nicht zu sondern ab, denn unsere alten AKW sollen viel länger laufen als geplant. Wie jede technische Anlage wird ein AKW mit der Zeit immer unzuverlässiger: Materialien verspröden und Komponenten fallen aus. Um das Risiko eines Unfalls trotz Alterung möglichst gering zu halten, wird beim Bau einer Anlage eine Sicherheitsmarge eingerechnet – sozusagen eine Extra-Sicherheits-Reserve. Diese wird besonders bei Anlagen wie Beznau I und II (seit 46 bzw. 44 Jahren in Betrieb), die über ihre ursprünglich vorgesehene Laufzeit von 40 Jahren betrieben werden, rasch kleiner. Dies zeigt die neue Studie «Reduktion der Sicherheitsmargen von Alt-AKW. Der Fall Beznau», welche der französische Nuklearexperte Yves Marignac (WISE-Paris) im Auftrag der SES erstellt hat.


Nachrüstungen und vermehrte Analyse erlauben es, die Sicherheitsmarge wieder etwas zu erhöhen. Doch sie vermögen in keinem Fall den ursprünglichen Zustand einer Anlage wieder herzustellen. Zudem ist oft unklar, wie sicher der reale Zustand nach einer Nachrüstung ist. Die Folgen einer Nachrüstung werden bei der Sicherheitsbeurteilung eines AKW vielfach nur abschätzungsweise berücksichtigt. So führt zum Beispiel in Beznau die Öffnung des Reaktordruckbehälters für den Austausch des Deckels zu einer Schwächung der Sicherheitsbehälter (Vgl. Grafik).


Um dieser Margenreduktion entgegen zu wirken, forderte selbst die Atomaufsicht ENSI ein gesetzlich verankertes «Langzeitbetriebskonzept». Dieses soll dem ENSI eine genauere Kontrolle der AKW nach der ursprünglich vorgesehenen Betriebszeit von 40 Jahren ermöglichen. 

Die SES fordert die nationalrätliche Energiekommission UREK-N auf, das Langzeitbetriebskonzept im Kernenergiegesetz zu verankern. Somit kann das ENSI der Minderung der Sicherheitsmarge bei Alt-Anlagen besser entgegen wirken. Es braucht eine vorausschauende Sicherheitskultur mit höheren Sicherheitsmargen.


Beilagen
Quelle: Schweizerische Energie-Stiftung