Mittwoch, 18. Februar 2015

Risse in belgischem AKW - und in der Schweiz?

In zwei belgischen AKW sind bei Untersuchungen tausende weitere Risse im Reaktordruckbehälter gefunden worden. Aufgrund dieser alarmierenden Feststellung empfiehlt der Leiter der belgischen Atomaufsichtsbehörde eine genaue Untersuchung aller Atomreaktoren weltweit. Greenpeace Schweiz fordert die hiesige Aufsichtsbehörde ENSI auf, sofort und konsequent zu handeln. Ein Versagen des Druckbehälters hätte eine Kernschmelze zur Folge.

Wie sicher sind die Schweizer AKW? Diese Frage stellt sich nach den neusten Befunden in Belgien dringender denn je. Denn bisher ging man davon aus, dass die in den belgischen Reaktoren Doel 3 und Tihange 2 schon 2012 festgestellten Risse auf einen Mangel in der Herstellung zurückzuführen sind und deshalb kein akuter Handlungsbedarf besteht. Nun zeigt aber eine vertiefte Überprüfung, dass die beiden AKW tausende weitere Risse im Reaktordruckbehälter aufweisen, dem Herzstück der Anlage. Und zwei führende belgische Wissenschaftler sind zum Schluss gekommen, dass die Risse nicht allein auf einen Herstellungsmangel zurückzuführen sind, sondern vom Betrieb massgeblich beeinflusst wurden. Es muss deshalb befürchtet werden, dass die Reaktordruckbehälter der Schweizer AKW in einem ähnlich schlechten Zustand sein könnten – zumal diese mehrheitlich schon länger in Betrieb sind als die betroffenen zwei belgischen Reaktoren.

Tragweite des Problems wurde verkannt
Die Untersuchungen der belgischen AKW zeigen, dass die Reaktordruckbehälter offenbar viel anfälliger sind auf Korrosion als bisher angenommen. Der Leiter der belgischen Atomaufsichtsbehörde (FANC) Jan Bens bezeichnete dies als mögliches «globales Problem der Atomkraftwerke» und empfiehlt eine genaue Untersuchung aller Atomreaktoren weltweit. «Es ist dringend notwendig, die Risse im Metall ernster zu nehmen als bisher und bei allen Reaktoren umfangreiche Untersuchungen durchzuführen», sagt Florian Kasser, Atomexperte bei Greenpeace Schweiz. «Die Tragweite des Problems wurde offensichtlich verkannt – auch in der Schweiz. Alle Reaktoren müssen nun rasch und komplett überprüft werden.»

Es braucht mehr als nur Stichproben
2013 hatte das ENSI aufgrund der in Belgien entdeckten Risse Überprüfungsmassnahmen angeordnet. Doch diese erweisen sich nun als völlig ungenügend – insbesondere bei den Reaktoren in Beznau und Mühleberg, die schon seit über 40 Jahren in Betrieb sind. In Mühleberg wurde gerade einmal 5 Prozent des Reaktordruckbehälters untersucht, in Beznau ist eine teilweise Überprüfung für die nächsten Jahre geplant; ebenso in Gösgen. «Solche Stichproben genügen nicht», sagt Atomexperte Kasser. «Die Reaktordruckbehälter müssen nun genau unter die Lupe genommen werden.» Überprüft werden muss auch das AKW Leibstadt. Dort hatte das ENSI bisher keine Massnahmen angeordnet aufgrund der Annahme, dass Produktionsmängel und nicht der Betrieb zu Rissen führt. Wenn bei der Überprüfung der Schweizer AKW Risse in ähnlichem Ausmass zu Tage kommen wie in Belgien, müssen die betroffenen Reaktoren sofort abgestellt werden, bis Ursache und Gefährlichkeit der Risse restlos geklärt sind.

Versagen des Druckbehälters hätte katastrophale Folgen
Der Druckbehälter ist das Herzstück eines Atomreaktors. Er beinhaltet unter anderem die hochradioaktiven Brennelemente, und hier findet die nukleare Kettenreaktion statt. Ein plötzliches Versagen des Druckbehälters ist in der Auslegung der Atomreaktoren nicht vorgesehen und könnte zu katastrophalen Freisetzungen radioaktiver Strahlung führen. Gegenmassnahmen sind nicht vorgesehen.

Quelle: Greenpeace

Sonntag, 15. Februar 2015

Energiewende - deutsch oder britisch?

Die deutsche Energiewende basiert bis jetzt auf Erneuerbarer Energie flankiert von Kohle sowie ohne Atom und die britische soll eine Kombination von Energieeffizienz, erneuerbarer Energie plus Atomkraft sein. Wirtschaftliche Überlegungen werden letztlich zu einem Triumpf der Erneuerbaren führen. Ein Kommentar des deutschen Energiepublizisten Franz Alt. 


In Großbritannien haben sich soeben Regierung und Opposition gemeinsam auf den raschen Ausstieg aus der Kohle geeinigt. Assistiert von den großen Umweltverbänden wurde beschlossen, den  „Umbau hin zu einer wettbewerbsfähigen, energieeffizienten und kohlestoffarmen Ökonomie voranzutreiben und die Nutzung unverminderter Kohle für die Stromerzeugung zu beenden“. Unverminderte Kohleerzeugung heißt, dass Kraftwerke, die das CO2 unterirdisch abspalten noch eine Chance haben, gemeint ist die CCS-Technologie, die allerdings weltweit noch nirgendwo marktreif ist.

Damit hat erstmals in der EU ein Kohleland beschlossen, aus der klassischen fossilen Stromerzeugung auszusteigen. Al Gore lobte den Beschluss als revolutionär. Der Haken an der Sache: Das neue Motto heißt jetzt Atom statt Kohle. Das revolutionäre Papier liegt der Süddeutschen Zeitung vor. Es soll an diesem Wochenende in England publiziert werden.

England plant also eine Energiewende ähnlich wie Deutschland und doch ganz anders. Während hierzulande die Erneuerbaren bis 2022 komplett die Atomenergie ersetzen sollen, aber langfristig von Kohle flankiert werden, wird in England hauptsächlich auf die klassische Atomkraft und zusätzlich auf neue Atomkraftwerke gesetzt. Welche Energiewende wird sich also durchsetzen – die deutsche, an der sich auch Japan und China orientieren oder die britische, die auch Obama in den USA meint?

Ende 2015 werden beim Klimagipfel in Paris die beiden alternativen Energiewenden aufeinander prallen. Da es dabei primär um die Bekämpfung der CO2-Emissionen geht, wird die englische Version gegenüber dem deutschen Atomausstieg scheinbare Vorteile haben.

Das könnte freilich schließlich zu einer Renaissance der Atomkraft in Europa führen. Und dafür hat ausgerechnet der frühere deutsche Energiekommissar in Brüssel, Günther Oettinger, noch in den letzten Stunden seiner alten Amtszeit die Weichen gestellt. Er hat England in einer Ausnahmegenehmigung erlaubt, die Atomenergie so hoch zu subventionieren, dass ein neues AKW gebaut werden kann – weitere sollen danach folgen.

Aber zu welchem Preis? 35 Jahre lang sollen für britischen Atomstrom weit höhere Subventionen bezahlt werden als in Deutschland 20 Jahre lang für erneuerbare Energien. Daraufhin hat die österreichische Regierung angekündigt, gegen den nuklearen britischen Sondertarif bei der EU zu klagen, weil dies zu einer Verzerrung des Stromtarifs auf dem europäischen Strommarkt führen werde. London hat daraufhin Wien wissen lassen, dass es „in Zukunft jede Gelegenheit wahr nehmen werde, Österreich zu schaden.“ Das wird noch spannend.

Eine Prognose sei gewagt: Schon mittelfristig wird sich  d i e  Energiewende durchsetzen, die am preiswertesten sein wird: Im Jahr 2.000 hat die Produktion einer Kilowattstunde Solarstrom in Deutschland noch 70 Cent gekostet, heute noch 10 Cent und in etwa zehn Jahren noch etwa fünf Cent, weil die Sonne keine Rechnung schickt. Ähnliches gilt für die Windenergie. Atomstrom in England kostet aber beim neuen, jetzt genehmigten AKW Hinkley Point C etwa 35 Cent pro KWh. Allein dieser Meiler braucht 23 Milliarden Euro Subventionen. Der entscheidende Vorteil jeder Energiewende wird nicht nur ein ökologischer sein, sondern letztlich ein ökonomischer sein. It´s the economy, stupid!

Hermann Scheer schon vor 19 Jahren: „Sonnenkraft ist das einzige Zusatzeinkommen der Erde und damit die Basis für unsere Zukunft“.

Quelle: sonnenseite.com

Donnerstag, 5. Februar 2015

Keine neuen AKW in Schweden

Der schwedische Energiekonzern Vattenfall stoppt seine Pläne für den Bau neuer AKW. Offenbar haben die Verantwortlichen endlich eingesehen, dass die Zukunft in den erneuerbaren Energien liegt. Und auch für die baldige Abschaltung der alten bestehenden Reaktoren stehen die Karten nicht schlecht.

Greenpeace-Aktion beim AKW Ringhals in Schweden (2013) 










«Jetzt beginnt unsere Energie-Revolution», freut sich Rolf Lindhal, Atom-Campaigner von Greenpeace Schweden. Am Freitag hat der schwedische Staatskonzern Vattenfall Medienberichte bestätigt, er habe alle Pläne zum Bau neuer AKW im Land aufgegeben. Damit rückt in dem skandinavischen Land das Ende der Atom-Ära ein Stück näher.

Ausstieg war einst beschlossenNoch vor fünf Jahren hatte das ganz anders ausgesehen. Damals machte die konservativ-liberale Regierung den Weg frei für AKW-Neubauten als Ersatz für die in die Jahre gekommenen schwedischen Reaktoren. Es war quasi der Ausstieg aus dem Atomausstieg, der einst nach der teilweisen Kernschmelze im US-AKW Three Mile Island beschlossen worden war. Kaum war der Weg dafür frei, begann Vattenfall mit der Planung eines neuen Reaktors am Standort Ringhals. 2012 wurde bei der schwedischen Atomaufsichtsbehörde ein entsprechendes Genehmigungsverfahren eingeleitet – dieses Verfahren wird nun nicht mehr weiterverfolgt.

Über die Gründe für das Umdenken bei Vattenfall ist wenig bekannt. Möglicherweise wollte der Energiekonzern aber einem Entscheid der neuen, rot-grünen Regierung zuvorkommen, die im Herbst letzten Jahres angekündigt hatte, alle AKW-Neubaupläne stoppen zu wollen. Gegenüber verschiedenen Medien äussert eine Sprecherin der schwedischen Grünen Partei die Vermutung, die Vattenfall-Verantwortlichen hätten eingesehen, dass für das Projekt nicht nur die wirtschaftlichen Voraussetzungen fehlten, sondern auch die Unterstützung in der Öffentlichkeit.

Massive Nachrüstungen verlangtNoch sind aber in Schweden zehn Atomreaktoren am Netz. Droht nun die gleiche paradoxe Situation wie in der Schweiz, dass die alten AKW bis zum Geht-nicht-mehr weitergelaufen lassen werden? Wohl kaum, denn die schwedische Atomaufsichtsbehörde verlangt für den Weiterbetrieb umfassende Nachrüstungen, die Vattenfall hunderte Millionen Euro kosten würden – damit dürfte sich der Weiterbetrieb der ältesten Reaktoren kaum mehr auszahlen. Es zeichnet sich ab, dass in Schweden die Atom-Ära bald vorüber ist.

Quelle: Greenpeace Schweiz

Freitag, 30. Januar 2015

Lagerung in weiter Ferne

Trotz der Reduktion auf zwei mögliche Standorte, liegt die Lösung des Atommüllproblems nach Ansicht der Schweizerischen Energie Stiftung in weiter Ferne. Nach dem Entscheid von Nagra und BFE bleiben nur Bözberg (Jura Ost, AG) und Zürcher Weinland (Zürich Nordost, ZH und TG) im unbeliebten Atommüllrennen. 

Die SES fordert, dass die ungelösten konzeptionellen und technischen Fragen vor der Standortwahl beantwortet werden. Ausserdem müssen alle potentiellen Regionen auf den gleichen Untersuchungsstand gebracht werden, bevor eine qualifizierte Ausscheidung stattfinden kann.

Die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) informierte heute anlässlich einer Medienkonferenz des Bundesamtes für Energie (BFE), dass die Standortsuche für Atommülllager von bisher sechs Regionen auf die zwei Standorte Bözberg (Jura Ost) und Zürcher Weinland (Zürich Nordost) reduziert wird. 

Mit der Reduktion von sechs auf zwei Standorte gaukelt die Nagra der Bevölkerung vor, sie sei einen wichtigen Schritt weiter und habe die Lösung des Atommüllproblems in greifbarer Nähe. „Das Problem ist nicht gelöst!“, warnt Atomexpertin Sabine von Stockar und erklärt: „Es wird verschwiegen, dass grundlegende konzeptionelle und technische Fragen noch immer nicht beantwortet sind.“ So ist zum Beispiel keine langfristige Rückholbarkeit vorgesehen, was die Situation für kommende Generationen unberechenbar und gefährlich macht. Es ist zudem unklar, wie die Standorte für die nachfolgenden 30’000 Generationen gekennzeichnet werden sollen, um unsere Nachfahren vor der Gefahr zu warnen.

Nicht nur die konzeptionellen Fragen, sondern auch die ungleich gut untersuchten Standorte, lassen den heutigen Vorschlag der Nagra eigenartig wirken: Von allen sechs Regionen wurde bisher nur im Zürcher Weinland mit gezielten Bohrungen und 3D-Seismik der Untergrund eingehend untersucht. „Zu diesem Zeitpunkt Standorte abzuschreiben ist fahrlässig“, sagt Sabine von Stockar. „Alle Standorte haben ihre Nachteile und die Eignung ist weder für das Weinland noch für den Bözberg abschliessend geklärt“. 

Die Standorte einzuengen, bevor das Konzept ausgereift und der Untergrund untersucht ist, führt nicht zu einem möglichst sicheren Lager.  Die SES fordert ein Sachplan-Timeout. Zuerst müssen die ungeklärten konzeptionellen und technischen Fragen von unabhängiger Seite wissenschaftlich fundiert gelöst werden. Daraufhin soll die Nagra die Geologie aller Standorte eingehend untersuchen. Erst anschliessend macht eine Eingrenzung der Standorte Sinn.

Donnerstag, 22. Januar 2015

AKW-Haftpflicht revidiert

Der Bundesrat hat eine Teilrevision der Kernenergiehaftpflichtverordnung (KHV) verabschiedet. Diese beinhaltet eine neue Regelung zur Deckung bestimmter nuklearer Schäden durch die Bundesversicherung. Die teilrevidierte Verordnung tritt am 15. Februar 2015 in Kraft.

Am 13. Juni 2008 verabschiedete das Parlament das revidierte Kernenergiehaftpflichtgesetz (KHG) und genehmigte die revidierten internationalen Übereinkommen zur Haftung auf dem Gebiet der Kernenergie (Pariser Übereinkommen und Brüsseler Zusatzübereinkommen). Die Schweiz ratifizierte die beiden Übereinkommen im März 2009. Die Arbeiten zu einer auf dem neuen KHG basierenden Totalrevision der Kernenergiehaftpflichtverordnung laufen; von März bis Juni 2013 wurde dazu eine Vernehmlassung durchgeführt (siehe Medienmitteilung vom 15.03.2013). Das revidierte KHG und die totalrevidierte KHV können jedoch erst in Kraft gesetzt werden, wenn das revidierte Pariser Übereinkommen in Kraft tritt. Dazu muss dieses von mindestens zwei Dritteln der 16 Vertragsparteien ratifiziert sein. Damit ist frühestens Anfang 2016 zu rechnen.

Die vom Bundesrat verabschiedete Teilrevision der KHV bezieht sich auf das geltende Kernenergiehaftpflichtgesetz (KHG) von 1983. Dieses legt fest, dass der Inhaber einer Kernanlage unbeschränkt für nukleare Schäden haftet und über eine Versicherungsdeckung von 1 Milliarde Schweizer Franken verfügen muss. Die Versicherungsdeckung ist soweit möglich durch die Privatassekuranz zu erbringen. Subsidiär versichert der Bund diejenigen nuklearen Schäden, die von der Privatassekuranz nicht gedeckt werden können und erhebt dafür Prämien.

Derzeit sind bestimmte nukleare Schäden teilweise oder ganz von der privaten Deckung ausgeschlossen (KHV, Artikel 4, Absatz 1). Diese Ausschluss-Liste muss angepasst werden, da die internationalen Rückversicherungspools nicht in der Lage sind, die von der Kernenergiehaftpflichtgesetzgebung geforderte Deckung bereitzustellen. Um eine Deckungslücke zu verhindern, kann mit der entsprechenden Anpassung nicht zugewartet werden bis das neue KHG und die totalrevidierte KHV in Kraft treten.
  1. Neu werden nukleare Schäden zwischen 500 Millionen und 1 Milliarde Schweizer Franken, die trotz jederzeit eingehaltener Grenzwerte für Radioaktivität entstehen, von der privaten Versicherungsdeckung ausgeschlossen. Die Bundesversicherung übernimmt die Deckung solcher Schäden und erhebt dafür Prämien. Dadurch erhöhen sich die Prämienzahlungen der Schweizer Kernkraftwerke und der Zwischenlager Würenlingen AG an den Bund um 2 bis 3 Prozent. Gleichzeitig werden die Prämien der reduzierten privaten Versicherungsdeckung entsprechend reduziert. Die Teilrevision der KHV hat damit kaum Auswirkungen auf die Gesamtprämien.
  2. Die Formulierung bezüglich der teilweise von der privaten Deckung ausgeschlossenen Terror-Risiken wird geringfügig angepasst. Eine Prämienanpassung ist dadurch nicht notwendig.
Die Anhörung zur Teilrevision der KHV dauerte vom 2. Oktober bis 4. November 2013 (siehe Anhörungsbericht).
Die Teilrevision der KHV tritt am 15. Februar 2015 in Kraft.

Adresse für Rückfragen:

Marianne Zünd, Leiterin Kommunikation BFE
+41 58 462 56 75 / +41 79 763 86 11
marianne.zuend@bfe.admin.ch

Herausgeber:

Generalsekretariat UVEK
Internet: http://www.uvek.admin.ch
Bundesamt für Energie
Internet: http://www.bfe.admin.ch
Der Bundesrat
Internet: http://www.bundesrat.admin.ch/

Freitag, 26. Dezember 2014

Atomstrom doppelt so teuer

Der Bundesrat hat es im laufenden Jahr angetönt, der Experte für Rechnungsprüfung Kaspar Müller bringt es auf den Punkt. Bei den grössten - und am längsten laufenden - Schweizer AKW in Leibstadt und Gösgen wird falsch gerechnet. Sonst wäre deren Atomstrom schon heute mindestens doppelt so teuer. Eine Klage gegen die irreführenden Rechnungspraxen der Muttergesellschaften wurde aber abgeschmettert.

Ein Beitrag im Magazin der Umweltbewegung Greenpeace klärt auf: Kaspar Müller, unabhängiger Finanzmarktexperte, weist auf gravierende Mängel in der Bilanzierung der beiden AKW Leibstadt und Gösgen (siehe Bild) hin. Im Interview mit dem Wahlbasler, der auch Präsident der aktionärskritischen Pensionskassen-Stiftung Ethos ist, belegt Müller Löcher in Milliardenhöhe in den Bilanzen sowohl des AKW's in Leibstadt wie in Gösgen. 

Wie ist so etwas überhaupt möglich? Müller, der betont, nichts über die technischen Sicherheitsfragen sagen zu können, weist darauf hin, dass in den vergangenen Jahren bei den Betreibern schlicht zu optimistisch gerechnet wurde. Zwar hat das unterdessen auch der Bund gemerkt, die erfolgten Anpassungen seien aber ungenügend. Noch immer geht man davon aus, dass eine Rendite der Mittel in den beiden Fonds für Sicherheit und Entsorgung von 3,5 Prozent möglich sei und die Inflation 1,5 Prozent betrage. Zu dieser unrealistischen Ausgangslage komme hinzu, dass vor allem in den Entsorgungsfonds erst nach der Jahrtausendwende eingezahlt wurde, also viel zu spät nach Beginn der Laufzeiten der beiden AKW in den mittleren 80er Jahren. 

Allein schon eine Korrektur solch offensichtlicher Fehleinschätzungen (zu denen sich weitere falsche Bewertungsannahmen etwa bezüglich der vorhandenen Wertpapiere in den Fonds gesellten) würde die Produktionskosten mindestens verdoppeln. Eine Kilowattstunde Strom müsste demnach schon heute statt vier bis fünf deren zehn oder gar gegen 20 Rappen kosten. Müller unterlässt folgenden Hinweis, aber diesen Zahlen ist nachzureichen: Damit ist Atomstrom schon heute eigentlich so teuer wie die Produktion erneuerbarer Energie aus Wind- und Solaranlagen. Und längst nicht alle effektiven Kosten sind damit in der Berechnung der Atomkosten enthalten - so fehlen etwa die Versicherungsprämien, die eigentlich geschuldet wären, um das effektive Risiko des Atomstroms abzudecken.  

Greenpeace und der so genannte Trinationale Atomschutzverband hatten Gösgen und Leibstadt vor zwei Jahren angezeigt. Die Solothurner Staatsanwaltschaft hat gemäss Müller daraufhin die monierten Zustände zwar nicht abgestritten. Dennoch berief sie sich darauf, dass es sich nur um Buchverluste handle in den Bilanzen der beiden AKW, diese also noch nicht realisiert und deshalb irrelevant seien. Gemäss Müller sei ein solcher Schluss aber weder nachvollziehbar noch mit den Richtlinien für die ordentliche Buchführung vereinbar. Müller wörtlich im Greenpeace-Interview: «Das ist unglaublich».

Quelle: Greenpeace Magazin 4/2014 - noch nicht verfügbar im Internet

© Solarmedia/ Text und Bild: Guntram Rehsche

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Montag, 8. Dezember 2014

Greenpeace und SES protestieren

Der Nationalrat hat es im Rahmen der Beratung der Energiestrategie 2050 verpasst, einen klaren Ausstiegsplan für alle Schweizer AKW festzulegen. Schlimmer noch: Mit dem Verzicht auf die Forderung nach einer steigenden Sicherheit der AKW befürwortet die grosse Kammer ein unverantwortliches Experiment auf Kosten der Bevölkerung. Es ist nun am Ständerat, diesen Entscheid zu korrigieren. Sonst muss das Volk seinen Schutz vor einer Atomkatastrophe selbst einfordern - so Greenpeace in einer Medienerklärung zum Entscheid des Nationalrats. Auch die Schweizerische Energie Stiftung äussert sich ablehnend.

Zum Schluss der Debatte über die Energiestrategie 2050 hat der Nationalrat die Variante eines Langzeitbetriebskonzepts befürwortet. Ein Antrag, der eine Beschränkung der Laufzeit für die Uralt-Reaktoren in Beznau und Mühleberg auf 50 Jahre forderte, fand keine Mehrheit. Einzig zur Laufzeitbeschränkung auf 60 Jahre für diese AKW konnte sich der Nationalrat durchringen. Somit müssen die AKW-Betreiber nach 40 Jahren Laufzeit ein Langzeitbetriebskonzept vorlegen, das dann alle 10 Jahre erneuert werden muss und «über die verbleibende Laufzeit die Sicherheit gewährleistet». Die Variante, die eine «steigende Sicherheit» verlangt hätte, hat der Nationalrat verworfen. Dieser Grundsatz hätte garantiert, dass die AKW-Betreiber immer eine genügend grosse Sicherheitsreserve vorweisen müssten – so verkommt das Gesetz zum Papiertiger.

Greenpeace Schweiz übt heftige Kritik am Entscheid des Nationalrats. Die AKW-Betreiber erhalten so einen Freipass, um ihre Anlagen noch über Jahrzehnte weiter zu betreiben. «Der vom Nationalrat beschlossene Atomausstieg verdient diesen Namen nicht», sagt Greenpeace-Atomexperte Florian Kasser. Die uralten Atomkraftwerke in Beznau und Mühleberg werden mit jedem Tag, der vergeht, unsicherer. «Unter diesen Bedingungen keine steigende Sicherheit zu verlangen ist in höchstem Masse unverantwortlich. Und eine Laufzeitbegrenzung auf 60 Jahre für die altersschwachen Reaktoren ist absolut ungenügend», so Kasser. Der Nationalrat macht einen Kniefall vor den AKW-Betreibern und befürwortet ein brandgefährliches Experiment auf Kosten der Bevölkerung.

Es bleibt zu hoffen, dass der Ständerat das Sicherheitsbedürfnis der Schweizer Bevölkerung ernster nimmt als der Nationalrat. Im Minimum muss die kleine Kammer die steigenden Sicherheitsanforderungen wieder im Langzeitbetriebskonzept verankern. Echten Schutz bietet aber nur ein Ausstieg mit einem klaren Fahrplan, also mit einem Abschaltdatum in naher Zukunft mindestens für die drei Uralt-Reaktoren in Beznau und Mühleberg. Falls der Ständerat die unverantwortliche Haltung des Nationalrats bestätigt, muss das Volk selbst das Heft in die Hand nehmen und den Schutz vor einem AKW-Unglück einfordern.

Die Schweizerische Energie Stiftung SES hält festDie Schweiz betreibt mit Beznau I das älteste AKW der Welt. Zwei weitere Reaktoren Beznau II und Mühleberg sind weit über 40 Jahre alt und befinden sich im weltweiten Vergleich ebenfalls in der Geriatrieabteilung. Nachrüstungen sind nur bedingt wirkungsvoll und lohnen sich finanziell immer weniger. Mit dem angenommenen Langzeitbetriebskonzept und mit maximal 60 Jahren für Beznau gibt es keinen definierten Atomausstieg. Damit steigen die nuklearen Risiken trotz Fukushima. SES-Geschäftsleiter Jürg Buri ist enttäuscht: "Die NationalrätInnen haben Ihr Wahlversprechen von 2011 offensichtlich vergessen und sich nur für einen halben Atomausstieg entschieden. Sie nehmen die Risiken des ältesten AKW-Parks der Welt offensichtlich nicht ernst."

Die SES fordert den Ständerat auf, Laufzeitbegrenzungen einzuführen. Im Interesse der Sicherheit der Schweizer Bevölkerung ist die Laufzeit auf 40 Jahre zu begrenzen.

Quellen: Greenpeace / SES

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